„Der richtige Augenblick, um gezielt in europäische Aktien zu investieren“

02.03.2026

Hilde Jenssen ist Leiterin Fundamental Equities und Co-Portfoliomanagerin / Foto: © Nordea Asset Management

Ein Blick hinter die Fassade zu werfen ist erhellend. Das ist einer der Gründe, die mich gelegentlich zu Interviews der „besonderen Art“ führen. Es geht nicht nur ums Fachliche. Vielmehr reizt es mich dabei, mein Gegenüber etwas besser zu verstehen und en passant zu erfahren, wie er oder sie zu dem geworden ist, was er oder sie heute verkörpert. Frauen im Portfoliomanagement sind immer noch rar zu finden. Hilde Jenssen ist Leiterin Fundamental Equities und Co-Portfoliomanagerin des Nordea 1 – Empower Europe Fund bei Nordea Asset Management in Kopenhagen. Wir trafen uns dort vor der Jahreswende zu einem ausführlichen Gespräch.

finanzwelt: Frau Jenssen, schön, dass wir die Möglichkeit eines längeren Interviews haben. Bevor wir zu Ihrem Fonds und den Charakteristika kommen, die Eingangsfrage nach Ihrer Vision eines starken, ambitionierten Europas?

Hilde Jenssen: Gefühlt eine Ewigkeit stand Europa für viele Regionen in der Welt als ein Vorbild, das gleichbedeutend mit Stabilität und wirtschaftlichem Erfolg war. Doch das Bild ist ins Wanken geraten – der Kontinent muss sich wirtschaftlich und politisch neu beweisen. Die Europäer ringen um Wege, die Prosperität aus eigener Kraft wieder zu erlangen. Konsens besteht dahingehend, dass es ein ‚Weiter so‘ nicht geben kann. Das ist die positive Botschaft. Um die Idee eines kraftvollen Europas zu beleben, müssen einige mutige, zukunftsweisende Schritte unternommen werden. Wir Europäer haben die Kraft und das Potenzial, dieses Ziel eines starken Kontinents zu erreichen.

finanzwelt: Die Geburtsstunde Europas geht in die 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurück. Nun umfasst die EU 27 Mitgliedstaaten. Ist sie zu groß geworden, um auch wettbewerbs- und schlagkräftig zu sein?

Jenssen: Ich sehe die Größe und Vielfalt als Stärken Europas, nicht als deren Schwächen. Jede Region hat ihre Vorteile und leistet ihren eigenen Beitrag zum Gesamtkomplex Europa. Von der Technologieaffinität Nordeuropas bis hin zu den Ressourcen Südeuropas – ähnlich wie ein Baustein im breiten Portfolio. Hinzu kommt der Wille, die EU zu stärken, indem finanzielle Mittel besser verteilt werden. Ersparnisse aus der gesamten EU sollen in zukunftsträchtige Investitionen gelenkt werden, etwa in Klimaschutz, Digitalisierung oder Verteidigung.

finanzwelt: Vieles wurde in der Vergangenheit diskutiert. Ein Europa der mehreren Geschwindigkeiten, vertiefte Integration etc. Woran mangelt es?

Jenssen: Nach meiner Meinung liegt es nicht darin, dass die EU keine Probleme lösen kann, sondern dass es oftmals am Konsens und politischen Willen in den Mitgliedsländern fehlt. Die Reformträgheit wird dann wiederum einzig der EU angelastet. Hier muss ein Umdenken einsetzen und Partikularinteressen einzelner Staaten dürfen nicht Hemmschuh sein auf dem Weg zu einem vereinten, kraftvollen Kontinent.

finanzwelt: Ein Weckruf war der Draghi Report vom Herbst 2024. Wenn ich es richtig verstehe, sind seine Kerngedanken die drei zentralen Säulen ihres Nordea Empower Europe Fund. Können Sie diese etwas erläutern?

Jenssen: Gerne. Die drei Säulen, auf die wir uns bei Empower Europe konzentrieren, sind zum einen die Energieunabhängigkeit und -effizienz, zum anderen Stärkung der industriellen Basis Europas und letztlich die Sicherstellung der strategischen Autonomie. Alle eint ihre jeweilige Bedeutung für die Wiedererlangung der Stärke Europas.

finanzwelt: Bleiben wir einen Augenblick beim zweiten Aspekt, der „Reindustrialisierung“. Was hat es damit auf sich?

Jenssen: Der Grund, die Industrieproduktion als zentrales Investmentthema zu definieren, ist natürlich, dass wir diese als eine strategisch wichtige Kraftquelle ansehen, um den Kontinent stärker und unabhängiger von anderen Regionen zu machen. In der Vergangenheit wurde ausgelagert. Gegenwind für die europäische Wirtschaft. Indem wir nun entschlossener und schneller handeln – Beispiel Automatisierung – können unter anderem mögliche Standortnachteile beseitigt werden. Wir sehen einen signifikanten Anstieg des Interesses an einer Rückverlagerung von Wertschöpfungsketten nach Europa. Und wir haben europäische Unternehmen, die glänzend im internationalen Wettbewerb aufgestellt.

finanzwelt: Der dritte Anker ihres Konzepts ist die Verteidigung. In diesen Zeiten wichtiger denn je zuvor.

Jenssen: Die vergangenen Jahre haben uns schmerzlich vor Augen geführt, wie zerbrechlich der Frieden in der Region ist. Gleichzeitig waren sie ein Weckruf, dass Europa als Kontinent unbedingt selbst imstande sein muss, sich zu verteidigen und mögliche Gegner abzuschrecken. Deshalb steht für die europäischen Institutionen der Aufbau einer Europäischen Verteidigungsunion weit oben auf der Agenda. Dafür bedarf es finanzieller Mittel und enormer Anstrengungen. Uns ist aber wichtig, dass wir den Verteidigungsbegriff weit auslegen. Denken Sie beispielsweise an Cybersecuity, deren Bedeutung stetig wächst.

finanzwelt: Worin unterscheiden Sie sich von anderen Produkten, beispielsweise Verteidigungs-ETFs.

Jenssen: Der Empower Europe fußt auf drei miteinander verbundenen Säulen. Sie sind sozusagen interdependent. Durch dieses breitere Fundament werden mögliche Rücksetzer in einem Segment besser aufgefangen. 2025 sind Rüstungsaktien deutlich gestiegen. Doch niemand kann voraussagen, ob diese Rally weiter andauert. Es kann zu Verlagerungen kommen und andere Favoriten sind plötzlich in der Gunst der Anleger vorne. Wichtig und abgrenzend zu anderen Fonds ist auch die weite Begriffsdefinition in puncto Verteidigung. Hierbei konzentrieren wir uns auch auf artverwandte Themen der Cybersecuity und denken natürlich auch an Dual-Use-Technologien, die auch im zivilen Bereich einen Nutzen stiften.

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