„Der richtige Augenblick, um gezielt in europäische Aktien zu investieren“

02.03.2026

Hilde Jenssen ist Leiterin Fundamental Equities und Co-Portfoliomanagerin / Foto: © Nordea Asset Management

finanzwelt: Sie heben das aktive Management des Fonds hervor. Wie viele Positionen umfasst der Empower Europe?

Jenssen: Im Moment haben wir 70 Aktienpositionen im Portfolio. Charakteristisch ist die Übergewichtung in drei Sektoren. Stark repräsentiert sind Industrieunternehmen, die aktuell die Hälfte des Portfolios ausmachen. Daneben sind Bereiche IT und Werk-/Grundstoffe zentral. Alle eint, dass sie im Sinne unserer drei Säulenstrategie – Energieunabhängigkeit, Stärkung der industriellen Basis Europas und Sicherstellung der strategischen Autonomie – unerlässlich sind. In der Gewichtung der genannten Sektoren unterscheidet sich der Empower Europa wesentlich von der Benchmark.

finanzwelt: Sie haben viele deutsche und französische Unternehmen im Portfolio. Eher Zufall oder beabsichtigt?

Jenssen: Es gibt keine starren Vorgaben oder Top-DownZiele. Richtig ist, dass beispielsweise einige großartige Industrieunternehmen in Deutschland ansässig sind. Das Übergewicht in diesen beiden Ländern rührt einfach aus der Tatsache, dass wir dort viele Chancen erkennen. Das kann sich aber prinzipiell ändern; wir sind sehr aktiv und flexibel unterwegs.

finanzwelt: Fokus Europa – nach Ihrer Meinung kein kurzes Intermezzo?

Jenssen: Absolut nicht. Wir haben einige neuralgische Punkte identifiziert, in denen der Kontinent massives Nachholpotenzial hat. Zusammen mit dem Willen der europäischen Institutionen und dem Bereitstellen von öffentlichen und privaten Geldern ist jetzt der richtige Augenblick, um gezielt zu investieren. Eine langfristige Story. Generell sind europäische Aktien aus Bewertungsaspekten interessant. Das wird uns auch aus Investorensicht widergespiegelt, wie die Assets under Management zeigen.

finanzwelt: Abseits des Fachlichen, möchten wir Sie nun etwas näher vorstellen, Frau Jenssen. Es gibt immer noch nicht viele weibliche Führungskräfte im Portfoliomanagement – insofern ein guter Anlass. Sie arbeiten seit acht Jahren bei Nordea, haben zuvor viel Zeit in den USA verbracht. Was unterscheidet die Vereinigten Staaten von Europa?

Jenssen: Ich habe mehr als zwei Jahrzehnte in den USA verbracht. Eine Zeit, die mich sehr geprägt hat. Vom ersten Fuß fassen im Berufsleben bis hin zu verantwortungsvollen Positionen, die meine Leidenschaft für die Finanzmaterie stets verstärkt haben. Ich denke, der Hauptunterschied liegt in der unterschiedlichen Mentalität dies- und jenseits des Atlantiks. In den USA geht es viel mehr um Geschwindigkeit, um Innovationen und potenzielle Risikobereitschaft. Und damit auch verbunden die Einsicht, dass Scheitern zum Leben dazugehört.

finanzwelt: Ihr Job als Head of Fundamental Equities ist ziemlich herausfordernd und anspruchsvoll. Wie können Sie manchmal dem Tagesgeschäft entfliehen?

Jenssen: Es ist wichtig, gelegentlich den Kopf freizubekommen, um neue Gedanken zu fassen. So reise ich sehr gerne, bin kulturell vielseitig interessiert und sportlich unterwegs. Um dem hektischen Treiben der Finanzmärkte temporär zu entfliehen, benötige ich manchmal etwas Ruhe. Wir wandern viel, legen auch mal unerwartete Stopps ein, wenn wir zum Beispiel auf dem Weg nach Italien sind, und lassen die Seele etwas baumeln. Übrigens habe ich nie etwas anderes Berufliches gemacht. Die Faszination für die sich ständig wandelnden Märkte war schon immer da.

finanzwelt: Interessanter Punkt. Hat es bei Ihnen einen „Aha-Effekt“ gegeben, an dem Sie erkannten, dass Finanzen und Aktien Ihre Leidenschaft sind?

Jenssen: Ich erinnere mich an einen kleinen Disput meiner Eltern – noch vor meiner Zeit auf dem College. Es ging um Aktien und meine Mutter fragte meinen Vater nach dem Grund, warum er sich nicht von den Aktien des Unternehmens trennen würde, das er nun verließe. ‚Du hast keinen Einblick mehr, wie sich dieses Unternehmen entwickeln wird‘, stellte meine Mutter fest. Das hat meine Neugierde geweckt. Später habe ich ein wirtschaftswissenschaftliches Studium begonnen und im Anschluss meinen ersten Job als Research-Analystin angetreten. Der Anfang einer längeren Reise…

finanzwelt: Ihrem Lebenslauf ist zu entnehmen, dass Sie fast fünf Jahre an der Columbia Business School tätig waren. War eine akademische Karriere keine Option?

Jenssen: Eine lehrreiche Zeit, an die ich mich gerne erinnere. Mein ehemaliger Chef bei Goldman Sachs lehrte als Professor an der Columbia Business School und fragte, ob ich ihm assistieren möchte. Es ging um einen Kurs zu Aktienderivaten. Eine willkommene Abwechslung. Zu dieser Zeit kamen meine Kinder zur Welt. Ich liebte das Unterrichten, doch irgendwann merkte ich, dass das hektische Tagesgeschäft an der Wall Street fehlte. Der Nervenkitzel, wenn Sie so möchten.

finanzwelt: Wie fällt Ihr Blick auf die Finanzindustrie heutzutage aus?

Jenssen: Informationen sind heute viel schneller und in großer Fülle verfügbar. Das ist sicherlich einer der wesentlichen Unterschiede zu damals. Wichtig war und ist, sich bei allen Fakten nicht in ein zu enges Korsett zu pressen. Eine eigenständige Meinung zu bilden und diese auch zu artikulieren. Generell hat sich die Industrie fundamental gewandelt, Stichwort: passives Investieren. Eine Entwicklung, die zugleich Herausforderung als auch Chance für aktives Management ist.

finanzwelt: Abschließend – wie verfolgen Sie die Diskussion um eine Frauenquote in Führungspositionen?

Jenssen: In Führungspositionen sind Frauen in der Minderheit. Diese Wenigen haben als Vorbilder aber eine erhebliche motivierende Wirkung auf andere Frauen. Das hat mich von Anfang an geprägt und geleitet. Natürlich ist das Portfoliomanagement ein harter, manchmal auch kräftezehrender Job. Um auf der Karriereleiter nach oben zu klettern, müssen einige Extrameter gelaufen werden. Ein Marathon, kein Sprint. Zugleich ist es wichtig, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Der Austausch in Netzwerken bietet eine gute Möglichkeit, seinen Horizont zu erweitern, neue Erfahrungen zu sammeln, Freundschaften zu knüpfen. (ah)