Es ist eine enorme Herausforderung, diese Situation schnell zu drehen

03.11.2026

Dr. Martin Lück / Foto: © Franklin Templeton

Herbst 2026. Zum Zeitpunkt dieses Interviews ist die Wahl in Sachsen-Anhalt gelaufen. Das Ergebnis kennen wir. Gleichzeitig stehen entscheidende Wahlen in Berlin und Brandenburg an. Friedrich Merz ist in Bedrängnis geraten. Wohin entwickelt sich Deutschland wirtschaftlich? Aktuell liest man zumindest eher Negatives. Doch man sollte den Mut nicht verlieren. Und Reformen, die einmal eingeleitet wurden, müssen vorangetrieben werden. Dr. Martin Lück ist Gründer des Researchhauses Macro Monkey. Zudem ist er Chef-Kapitalmarktstratege (für Deutschland und Österreich) bei Franklin Templeton. Zeit für ein Gespräch. Anknüpfungspunkte gibt es viele, speziell mit Blick in die USA. Dort schnellten die Renditen an den Anleihemärkten in die Höhe und die US-Verschuldung überwand die Marke von 40 Bio. US-Dollar. Was macht der neue Fed-Chef in dieser Lage? Ein Fragenbündel an den Experten.

finanzwelt: Wechselhaftes Wetter zum Start in den Herbst. Sonne, Regen, Gewitter. Alles dabei. Wie fällt Ihr Blick auf die Lage an den Kapitalmärkten aus?

Dr. Martin Lück: Zum Start in den Herbst präsentieren sich die Kapitalmärkte wie ein Tauziehen zwischen dem Optimismus an den Aktienmärkten und zunehmenden Zinssorgen an den Anleihemärkten. Die Unternehmensgewinne im Bereich der Technologieaktien sorgen für ein positives Umfeld, auch wenn die Aktienmärkte nicht mehr günstig bewertet sind. An den Anleihenmärkten rührt der Gegenwind nicht so sehr von den Inflationserwartungen her, sondern von steigenden Risikoprämien, unter anderem, weil die USA sich bewusst aus der Rolle des sicheren Hafens zu verabschieden scheinen. Das sorgt für Unsicherheit, die uns bis zum Jahresende begleiten könnte.

finanzwelt: Das globale Wachstum trotze dem kräftigen Gegenwind aus „hohen Staatsschulden, hartnäckiger Inflation und Handelsspannungen“, so der IWF. Klingt verhältnismäßig gut. Haben wir die Talsohle bereits durchschritten?

Dr. Lück: Vor allem sollte man hier beachten, dass wir uns nicht in einem typisch zyklischen Aufschwung befinden. Die US-Wirtschaft erholt sich vor allem dank fiskalischer Impulse nach der COVID-Pandemie und aktuell enormer Investitionen in KI-Rechenzentren. Auch wenn die Makrozahlen auf den ersten Blick gut aussehen, verbergen sich unter der Oberfläche also erhebliche Unsicherheiten. Dies gilt natürlich auch für Europa und Asien.

finanzwelt: Welche Störfeuer machen Ihnen gegenwärtig am meisten Sorgen?

Dr. Lück: Die aggressive Politik, welche vor allem aus dem Weißen Haus betrieben wird, ist schädlich für die Weltwirtschaft. Einerseits hemmen Zölle und andere Handelshemmnisse den globalen Handel, andererseits sorgen geopolitische Konflikte oder gar Kriege, wie aktuell im mittleren Osten, für Knappheiten, welche die Rohstoffpreise in die Höhe treiben und den privaten Konsum belasten. Das größte Störfeuer ist also die grotesk schlechte US-Wirtschaftsund Außenpolitik.

finanzwelt: Lassen Sie uns ein paar Takte zu Donald Trump und den USA verlieren. Auf der einen Seite die Schuldenorgie, auf der anderen Seite die anhaltende Inflation. In welcher Verfassung präsentiert sich aktuell die US-Wirtschaft?

Dr. Lück: Die US-Wirtschaft präsentiert sich robust. Rechnet man allerdings die Wachstumsbeiträge der KI-Investitionen heraus, ergibt sich ein Wachstum, das nicht stärker ist als jenes in Europa. Auch auf der Makroseite gibt es also eine Art Klumpenrisiko im Bereich Künstlicher Intelligenz.

finanzwelt: Sie sprachen in diesem Kontext von „Taschenspielertricks statt Konsolidierung“. Steht die Glaubwürdigkeit der Weltmacht auf dem Spiel?

Dr. Lück: Der IWF schätzt in diesem Jahr das US-Haushaltsdefizit bei 7,4 %. Dies bedeutet, dass der Schuldenberg von jetzt 40 Bio. Dollar noch weiter wachsen wird. Dies allein erodiert schon das Vertrauen in die Glaubwürdigkeit der USA als Schuldner.

finanzwelt: Mit Spannung wurden die erste Reden Kevin Warshs verfolgt. Er zeigte sich als Kämpfer gegen die Inflation. Wie entschlossen wird/kann er agieren?

Dr. Lück: Der erste Lackmustest für Kevin Warsh kommt in dieser Woche. Erhöht er die Zinsen, wird er mehr Glaubwürdigkeit und Vertrauensvorschuss seitens der Märkte erhalten. Erhöht er die Zinsen nicht, werden seine zukünftigen Ankündigungen weniger geglaubt. Vertrauen muss man sich als Zentralbanker verdienen.

finanzwelt: Herbst hierzulande. Deutschland ist im Wahlmodus. In welcher wirtschaftlichen Verfassung zeigt sich das Land?

Dr. Lück: Deutschland kämpft mit einer enormen Industriekrise und Arbeitsplatzverlusten in fünfstelliger Höhe jeden Monat. Es ist eine enorme Herausforderung, diese Situation schnell zu drehen. Populistische Parteien nutzen die schlechte Stimmung aus, das hilft weder dem Investitionsklima noch dem internationalen Ansehen Deutschlands.

finanzwelt: Reicht das Reformtempo aus, um international wieder Boden gut zu machen?

Dr. Lück: Vermutlich nein. Am schlimmsten ist es aber, wenn bereits beschlossene, überzeugende Reformpakete, wie aktuell die geplante Rentenreform, aus politischer Opportunität wieder verwässert werden. Dann geraten wirtschaftliche Schwäche und politische Unfähigkeit zur Negativspirale. (ah)