Wer nicht täglich verkaufen kann, verkauft auch nicht panisch im Tief
24.08.2026

Robin Binder, Gründer und CEO von NAO / Foto: © NAO
Anfang 2027 tritt das Altersvorsorgedepot in Kraft. Eine Revolution in der finanziellen Vorsorge. Was Private Markets damit zu tun haben, inwiefern diese ihren Zweck im freien Altersvorsorgedepot erfüllen können, das besprach finanzwelt mit Robin Binder, Gründer und CEO von NAO.
finanzwelt: Herr Binder, Aktien und Anleihen sind manchen Anlegern noch fremd. Welche Gründe sprechen dafür, sich zudem mit der Vielfalt der Private Markets zu beschäftigen?
Robin Binder: Die Börse bleibt der zentrale Ort für den Vermögensaufbau, bildet aber bei Weitem nicht mehr die gesamte wirtschaftliche Dynamik ab. Wer ausschließlich in börsennotierte Unternehmen und Anleihen investiert, verpasst über 90 % der Wirtschaft, die nicht den Weg an den Kapitalmarkt gegangen sind. Ein relevanter Teil von Wachstum und Wertschöpfung entsteht aber zunehmend außerhalb der Börse oder vor einem IPO: in privaten Unternehmen, Infrastrukturprojekten oder privaten Kreditmärkten. Daraus entsteht eine strategische Frage: Reicht mir der öffentliche Kapitalmarkt allein? Oder möchte ich auch Zugang zu Renditequellen außerhalb der Börse? Richtig eingesetzt können Private Markets eine sinnvolle Ergänzung zu klassischen Börsenanlagen sein und die Diversifikation stärken.
finanzwelt: Eine neue Zeitrechnung beginnt – das Altersvorsorgedepot (AVD) kommt 2027. Eine gute Nachricht für die Fondsindustrie. Inwiefern trifft das auch für Private Markets zu?
Binder: In erster Linie ist das eine gute Nachricht für die Sparer, nicht primär für die Fondsindustrie. Für Private Markets ist es ebenfalls erfreulich, dass sich Privatmarktanlagen über ELTIFs nun gefördert ins eigene Depot holen lassen. Allerdings sind ELTIFs im Standarddepot, der kostengedeckelten Default-Variante für Einsteiger, nicht zugelassen. Wer Privatmärkte nutzen will, muss aktiv das freie Altersvorsorgedepot wählen. Damit rückt eine Anlageklasse an die private Vorsorge heran, die lange institutionellen Investoren vorbehalten war. Entscheidend wird, ob die Anbieter auch qualitativ hochwertige Bausteine für die Altersvorsorge liefern.
finanzwelt: Private Markets gelten als illiquide. Warum ist die lange Kapitalbindung beim AVD ein Vorteil und kein Nachteil?
Binder: Gerade in der Altersvorsorge ist eine längere Kapitalbindung ein struktureller Vorteil. Das AVD ist auf Jahrzehnte ausgerichtet. Es muss nicht jederzeit liquide sein, schließlich soll es über lange Zeit verlässlich Vermögen aufbauen und eine sogenannte Illiquiditätsprämie erwirtschaften. Die eingeschränkte Verfügbarkeit wirkt eher als Schutz: Wer nicht täglich verkaufen kann, verkauft auch nicht panisch im Tief. Diese Disziplin fällt vielen Anlegern schwer. Private Markets werden zudem nicht täglich anhand von Marktstimmungen neu bewertet und können ein Depot in volatilen Phasen robuster aufstellen. Genau deshalb setzen institutionelle Anleger wie Pensionskassen, Stiftungen oder Family Offices seit Jahren auf diese Anlageklassen als langfristigen Baustein.
finanzwelt: Welchen Anteil am AVD halten Sie als PrivateMarkets-Beimischung für sinnvoll?
Binder: Da die klassische 60/40-Aufteilung aus Aktien und Anleihen inzwischen zunehmend hinterfragt wird, sehen wir Private Markets als wichtigen Baustein für ein Depot. Für die meisten Privatanlegerinnen und Privatanleger halten wir, abhängig von Risikoprofil und Anlagehorizont, eine Beimischung von 10 % bis 20 % für sinnvoll. Die genaue Aufteilung bleibt aber immer individuell.
finanzwelt: In anderen europäischen Ländern ist die Akzeptanz von Private Markets schon länger gegeben. Inwiefern kann Deutschland davon lernen?
Binder: Deutschland kann vor allem lernen, dass Akzeptanz klare Rahmenbedingungen braucht. Frankreich und Italien zeigen: Wo regulatorische Sicherheit, starke Anbieter und steuerliche Anreize für lange Haltedauern zusammenkommen, gewinnen Private Markets bei Privatanlegern an Bedeutung und kommen in die Breite. Deutschland steht hier noch am Anfang. Mit dem Altersvorsorgedepot entsteht die Chance, Private Markets als sinnvolle Beimischung für langfristig orientierte Anleger zu etablieren.
finanzwelt: Viele neue Anbieter drängen auf den Markt. Worauf sollten Sparer vor dem AVD-Start besonders achten?
Binder: Die Öffnung für Privatmärkte ist eine große Chance für Sparer, aber kein Selbstläufer. Gerade wenn viele neue Anbieter in den Markt drängen, entstehen auch Qualitätsrisiken. Gebühren, die auf den ersten Blick kaum ins Gewicht fallen, können über Jahrzehnte einen erheblichen Teil der Rendite kosten. Entscheidend ist deshalb erstens: Genau verstehen, worin investiert wird. Private Equity, Private Debt, Infrastruktur oder Immobilien? Welche Risiken sind damit verbunden? Zweitens sollten Sparer die Struktur des Produkts prüfen: Wie lange läuft es, wann ist eine Rückgabe möglich? Wie hoch sind die Gesamtkosten? Und wie erfahren ist der Asset-Manager? Und drittens: Bei Private Markets entscheidet die Managerauswahl über alles. Der Abstand zwischen den besten und den schwächsten Fondsmanagern ist enorm, viel größer als bei Aktienfonds. Nur die besten Manager liefern die Rendite, für die Private Markets stehen. Genau deshalb braucht es hier mehr Aufklärung und eine strengere Vorauswahl als am breiten Aktienmarkt. Mit NAO kuratieren wir das Angebot deshalb streng vor und lassen nur Fonds zu, die diese Prüfung bestehen und ihr institutionelles Portfolio mit Kleinanlegern teilen. Denn die Frage ist nicht, ob man in Private Markets investiert, sondern mit wem und wie.
finanzwelt: Kurz zu Ihrem Unternehmen. Wofür steht NAO und was dürfen wir von Ihnen in den kommenden Monaten an Neuem erwarten?
Binder: NAO ist ein Online-Broker für Private Market Investments mit einer klaren Mission: Privatanlegern den Zugang zu denselben Investments zu öffnen, mit denen Family Offices und Großinvestoren seit Jahrzehnten Vermögen aufbauen. Über unsere App können Nutzer unter anderem in Private Equity, Venture Capital, Infrastruktur und Private Debt Fonds von global führenden Asset Managern investieren, professionell kuratiert und ohne Mindestinvestment. Unser Anspruch ist exklusiv in der Qualität und inklusiv im Zugang. Dabei arbeiten wir mit Managern wie Partners Group, Hamilton Lane, UBS oder Goldman Sachs zusammen. Mit Blick auf den AVD-Start 2027 entwickeln wir sowohl Lösungen für das freie AVD, in dem Private Markets über ELTIFs für die geförderte Vorsorge zugelassen sind, als auch für das Standarddepot. (ah)

Deutschland braucht eine wirtschaftliche Runderneuerung


