Deutschland braucht eine wirtschaftliche Runderneuerung
24.08.2026

Carsten Mumm, Chefvolkswirt bei DONNER & REUSCHEL / Foto: © Donner & Reuschel
Hitzewelle in Teilen Deutschlands. Geht es auch hitzig an den Kapitalmärkten zu? Was bringt die Zukunft? Wo stehen die USA und Deutschland? Carsten Mumm, Chefvolkswirt bei DONNER & REUSCHEL, stand Mitte Juli für ein Gespräch zur Verfügung.
finanzwelt: Sommer 2026. Die Sonne lacht. Wie fällt Ihr Blick auf die Lage an den Kapitalmärkten aus?
Carsten Mumm: Im Moment dominieren in den Schlagzeilen vor allem die weitere Eskalation im Nahen Osten und damit die Entwicklung der Rohölpreise. Das langfristig relevanteste Thema an den Börsen ist jedoch Künstliche Intelligenz (KI). Zum einen, weil die massiven Investitionen der großen US-Technologieunternehmen das gesamtwirtschaftliche Wachstum sichtbar ankurbeln und dabei klassische Industrien, die sie für den Ausbau von Rechenzentren benötigen, mitziehen. Langfristig relevanter ist jedoch die Frage, welche Produktivitätsgewinne durch die Implementierung von KI in bestehende Geschäftsprozesse in nahezu allen Branchen erzielt werden können. Das kann niemand sagen und dennoch versuchen Anleger, das Potenzial bereits heute einzupreisen. Die Folge ist eine erhöhte Volatilität an den Märkten, wenn Erwartungen überrascht oder enttäuscht werden.
finanzwelt: Der IWF hat das Wachstum der Weltwirtschaft erneut leicht nach unten angepasst. Für 2027 soll es bergauf gehen. Sind wir aus dem Gröbsten raus?
Mumm: Wenn kein neuer größerer Belastungsfaktor kommt, ja. Allerdings bergen auch volkswirtschaftliche Prognosen weiterhin eine erhöhte Unsicherheit. Die Weltwirtschaft steht unter dem Einfluss sehr grundlegender Veränderungen, vor allem aufgrund der veränderten Rollen Chinas und der USA im globalen Kontext. Kritische Abhängigkeiten werden als volkswirtschaftliche Schwachstellen offensichtlich, etwa wenn kaum berechenbare geopolitische Konflikte zunehmen und Lieferketten unterbrochen werden.
finanzwelt: Welche Störfeuer machen Ihnen gegenwärtig am meisten Sorgen?
Mumm: Die Geschicke der Welt hängen derzeit sehr stark von einzelnen politischen Akteuren ab, gerade weil sich die jahrzehntelang gewohnte geopolitische Ordnung verschiebt. In diesem Veränderungsprozess wird vielerorts mangelnde Resilienz offengelegt, in Europa etwa bei der Energieversorgung und der Verteidigungsfähigkeit. Dadurch steigt die Gefahr politischer Fehlentscheidungen, durch die beispielsweise bestehende Konflikte eskalieren könnten.
finanzwelt: Störfeuer – da kommen reflexartig Donald Trump und die USA ins Spiel. In welcher Verfassung präsentiert sich aktuell die US-Wirtschaft?
Mumm: Die US-Wirtschaft ist sehr robust – trotz deutlich gestiegener Energiepreise auch in den USA. Die Einkaufsmanagerindizes liegen im expansiven Bereich, die Arbeitslosigkeit ist niedrig und es entstehen weiterhin neue Jobs. Allerdings basiert in etwa die Hälfte des für 2026 erwarteten Wachstums auf den milliardenschweren KI-Unternehmensinvestitionen. Entsprechend hoch ist die gesamtwirtschaftliche Abhängigkeit von diesem Sektor. Und: Aufgrund der anhaltend hohen Inflation profitieren geringere Einkommen nicht nennenswert vom Wachstum. Darunter leidet der private Konsum. Zudem entwickeln sich zinssensitive Sektoren wie die klassische Immobilienwirtschaft nur schwach.
finanzwelt: Die Inflationserwartungen in den USA wurden zurückgeschraubt. Was bedeutet das für die Zinslandschaft? Aktuell liegt die Wahrscheinlichkeit für eine Zinserhöhung (FedWatch) bei ca. 20 %.
Mumm: Kurzfristig hängt die Inflationsentwicklung vor allem an den globalen Rohölpreisen. Eine wirkliche Deeskalation des Iran-Konflikts würde eine spürbare Entlastung bringen. Allerdings dürfte die US-Inflation auch mittelfristig klar oberhalb der 2-%-Zielmarke verharren. Neben knappen Kapazitäten im Zuge des Baus von Rechenzentren wirken vor allem Zölle und andere Handelsrestriktionen sowie die restriktive Migrationspolitik der Trump-Regierung preisniveautreibend. Aus heutiger Sicht ist daher keine Leitzinssenkung der Fed absehbar.
finanzwelt: Mit Spannung wurde die erste Rede des neuen Fed-Chefs verfolgt. Wie haben Sie seine Äußerungen gelesen?
Mumm: Kevin Warsh wird zweifellos neue Akzente setzen, aber nicht in dem Sinne, dass er, wie von Präsident Trump erhofft, die Leitzinsen kurzfristig senkt. Er wird die Unabhängigkeit der Geldpolitik verteidigen. Welche konkreten Veränderungen er umsetzt, wird sich erst in den kommenden Monaten zeigen. Neben kommunikativen Aspekten, deren Ziel es ist, dass sich die Märkte künftig weniger an jeder einzelnen Äußerung der Fed orientieren – geht es um eine mögliche Verkürzung der Notenbankbilanz und ggf. um die Nutzung einer adjustierten Inflationskennzahl.
finanzwelt: Lassen Sie uns ein paar Takte zu Deutschland verlieren. Der IWF hat die Wachstumsprognose gesenkt. Hoffnungsschimmer immerhin von der Industrie, die zuletzt mehr Aufträge verzeichnete. Wo verorten Sie Deutschland aktuell?
Mumm: Deutschland steht vor einem Mehrfachschock: Protektionismus und Zölle sind Gift für die exportorientierte Industrie, China tritt zunehmend als Wettbewerber an den Weltmärkten auf, die Energiepreise sind vergleichsweise hoch und stark von internationalen Lieferketten abhängig, die Automobilindustrie steckt durch eine veränderte globale Nachfrage in einem fundamentalen Strukturwandel und in den kommenden Jahren sorgt die demografische Entwicklung für weniger Arbeitskräfte. Hinzu kommen der öffentliche Investitionsstau, unzureichende private Investitionen und eine niedrige Innovationsdynamik. Das Ergebnis: Deutschland verzeichnet seit Jahren kein Wachstum mehr und braucht eine wirtschaftliche Runderneuerung. Dafür muss die Politik die Rahmenbedingungen für unternehmerisches Handeln verbessern, Unternehmen ihre Geschäftsmodelle zukunftsfähig ausrichten und mindestens genauso wichtig: Die Gesellschaft, also wir alle, müssen veränderungsbereit sein. Wir müssen mit Lust auf Zukunft ins aktive Gestalten kommen, anstatt zu warten, bis die Weichen von den USA oder China für uns mitgestellt werden. Deutschland hat im europäischen Kontext die Möglichkeit, ein eigenes attraktives Systemangebot auf der Basis von Marktwirtschaft, Demokratie und Freihandel anzubieten. Es gilt, diese Chance zu nutzen – jetzt. (ah)

Wer nicht täglich verkaufen kann, verkauft auch nicht panisch im Tief


