7 entscheidende Trends im Finanz- und Kreditwesen
18.03.2026

Foto: © KI - stock.adobe.com
Der Finanz- und Handelskreditbereich verändert sich rasant. Er ist geprägt von anhaltendem Liquiditätsdruck, steigenden Insolvenzfällen, zunehmend ausgeklügeltem Betrug und verschärften regulatorischen Erwartungen. Im Jahr 2026 werden Kreditentscheidungen immer häufiger in Echtzeit getroffen. Dabei wird stärker darauf geachtet, wie transparent und nachvollziehbar die Entscheidungen und wie gut die zugrunde liegenden Daten sind.
Carsten Ettmann von Dun & Bradstreet stellt sieben zentrale Finanz- und Kredittrends vor, die 2026 prägen werden. Im Fokus stehen der Wechsel von einmaligen Kreditprüfungen hin zu einer laufenden Risikobewertung, das stärkere Zusammenspiel von Betrugs- und Kreditrisiken, der zunehmende Einsatz von KI unter klaren Regeln sowie die wachsende Bedeutung verlässlicher und vernetzter Daten für Liquidität und stabiles Wachstum.
1. Liquiditätsengpässe legen Schwachstellen entlang der gesamten Handelskreditkette offen
Verspätete Zahlungen nehmen in vielen Märkten weiter zu. Dadurch steigt die durchschnittliche Forderungslaufzeit (Days Sales Outstanding oder kurz DSO), während der Druck auf die Liquidität der Lieferanten anhält. In mehreren europäischen Ländern sind inzwischen 47 bis 57 Prozent der B2B-Rechnungen überfällig. Besonders betroffen sind Branchen wie das Bau- und Ingenieurwesen, in denen die Margen niedrig und die Spielräume beim Working Capital begrenzt sind.
Gleichzeitig verlagern strengere Bankkreditbedingungen den Finanzierungsdruck stärker in das Handelskredit-System. Mit dem eingeschränkten Zugang zu externem Kredit wird der Handelskredit zunehmend zum Stabilisator bei makroökonomischen Risiken. Das erhöht die Nachfrage nach frühzeitigen, datenbasierten Einblicken in Zahlungsverhalten und die finanzielle Situation von Geschäftspartnern, anstelle der bisherigen Abhängigkeit von rückblickenden Finanzkennzahlen.
2. Kreditrisiken werden nicht mehr statisch bewertet, sondern vorausschauend analysiert
Traditionelle Kreditmodelle, die sich auf historische Finanzberichte und regelmäßige Limitprüfungen stützen, können mit der Dynamik heutiger Risiken auf Kundenseite kaum Schritt halten. Finanzielle Belastungen zeichnen sich zunehmend früher ab – etwa durch verändertes Zahlungsverhalten oder schwankende Auftragsvolumina – lange bevor sie in veröffentlichten Abschlüssen sichtbar werden.
Als Reaktion darauf ergänzen Unternehmen klassische Finanzkennzahlen zunehmend um Echtzeit- und zukunftsgerichtete Indikatoren, um neue Risiken früher zu erkennen. Schrittweise ersetzen kontinuierlich aktualisierte Risikoprofile die bisherigen statischen Kredit-Scores. Diese sind direkt in operative Prozesse eingebettet, ermöglichen schnellere Entscheidungen bei risikoarmen Kunden und unterstützen zugleich frühzeitige Maßnahmen bei zunehmendem Risikodruck.
3. Betrug und Kreditrisiko wachsen zusammen
Betrug und Kreditrisiko lassen sich im Handelskredit zunehmend nicht mehr getrennt betrachten. Beide Disziplinen treffen heute am gleichen Entscheidungspunkt aufeinander. Was früher separate Prozesse für Onboarding, Kreditgenehmigung und Betrugsprüfung waren, entwickelt sich zu integrierten Bewertungen von Identität, wirtschaftlicher Stabilität und Verhaltensrisiken.
Generative KI beschleunigt diesen Wandel deutlich. Sie senkt die Hürden für die Erstellung synthetischer Identitäten und täuschend echter gefälschter Dokumente. Gleichzeitig ermöglichen Deepfake‑Audio und ‑Video die gezielte Imitation von Führungskräften, etwa im Rahmen des Onboardings oder bei Krediterhöhungen.
In diesem Umfeld wird die Fähigkeit entscheidend, Identitäts‑, Eigentums‑, Verhaltens‑ und Kreditdaten in Echtzeit miteinander zu verknüpfen, um echte Geschäftspartner von technikgetriebenen Risiken zu unterscheiden. Viele Verluste, die sich später als Kreditausfälle zeigen, gehen heute auf Manipulationen zurück, die bereits früh im Kundenlebenszyklus angesetzt wurden.
4. KI skalieren – innerhalb klarer Governance‑Grenzen
Künstliche Intelligenz bildet inzwischen das Rückgrat vieler Handelskreditprozesse. Sie unterstützt unter anderem das Onboarding, die Dokumentenprüfung, die Risikobewertung und die Überwachung von Portfolios. Dadurch lassen sich Entscheidungen schneller, konsistenter und in größerem Umfang treffen – und zugleich Muster erkennen, die manuell kaum sichtbar wären.
Der EU-AI-Act stuft KI-Systeme, die Kreditwürdigkeitsentscheidungen vorbereiten oder treffen, als Hochrisiko-Anwendungen ein. Entsprechend steigen die Anforderungen an Transparenz, Erklärbarkeit und Governance. Mit zunehmender Verbreitung von KI im Jahr 2026 verlagert sich der Wettbewerbsvorteil daher weg von reiner Modellkomplexität hin zur Qualität, Nachvollziehbarkeit und Steuerbarkeit der Daten, auf denen KI‑gestützte Entscheidungen basieren.
5. Datenqualität wird zum strategischen Risiko – und zum Wettbewerbsvorteil
Je schneller und stärker automatisiert Kreditentscheidungen getroffen werden, desto gravierender wirken sich Schwächen in der Datenqualität aus. Uneinheitliche Identifikatoren, veraltete Datensätze oder fragmentierte Quellen können Risikosignale verzerren, KI‑Ergebnisse verfälschen und das Vertrauen in automatisierte Entscheidungen untergraben.
Im Jahr 2026 ist Datenqualität damit weit mehr als eine operative Hygienefrage. Sie entwickelt sich zu einem zentralen geschäftlichen Risiko. Umgekehrt verschaffen sich Unternehmen, die in verlässliche und vernetzte Daten investieren, klare Vorteile: schnelleres Onboarding, präzisere Kundensegmentierung und belastbare, verteidigungsfähige Entscheidungen. Datenqualität wird so zu einem echten Wettbewerbsvorteil.
6. Regulierung treibt Echtzeit‑Kredit‑ und Zahlungskontrollen voran
Regulatorische Veränderungen beschleunigen den Übergang zu Echtzeit‑Architekturen im Handelskredit. Maßnahmen wie die Verifizierung des Zahlungsempfängers stehen exemplarisch für eine breitere Entwicklung: weg von periodischen oder nachgelagerten Prüfungen hin zu Kontrollen, die direkt in laufende Geschäftsprozesse integriert sind.
Für international tätige Unternehmen hat dies spürbare Auswirkungen auf die Ausgestaltung von Kredit‑, Zahlungs‑ und Betrugskontrollen. Der Zugang zu vertrauenswürdigen Echtzeitdaten wird zum entscheidenden Differenzierungsmerkmal. Er ermöglicht es, regulatorische Anforderungen zu erfüllen, ohne Kreditentscheidungen zu verlangsamen oder den manuellen Aufwand zu erhöhen.
7. Kollektive Intelligenz stärkt die Widerstandsfähigkeit im Handelskredit
Da Betrugs- und Risikomuster immer stärker koordiniert und grenzüberschreitend auftreten, stoßen einzelne Organisationen an natürliche Grenzen ihrer Sichtbarkeit. Als Reaktion darauf gewinnen kollaborative Intelligenzmodelle an Bedeutung, bei denen Unternehmen von gemeinsamen Erkenntnissen zu bestätigten Betrugsfällen und neuen Angriffsmustern profitieren.
Ergänzend zu eigenen Portfoliodaten ermöglicht Netzwerkintelligenz eine frühere und verlässlichere Identifikation von Hochrisiko‑Einheiten. Im Jahr 2026 wird diese Form kollektiver Intelligenz zunehmend zum festen Bestandteil von Kredit‑ und Betrugsentscheidungen – ähnlich wie es in der Cybersicherheit bereits Standard ist.

Ein Beitrag von Carsten Ettmann, Senior Business Consultant bei Dun & Bradstreet.

Ruhe an den Märkten kann trügerisch sein









