Aufbau und Vorteile eines einheitlichen Systems
02.03.2026

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Die Finanzwelt wird komplexer. Kundinnen und Kunden verlieren leicht den Überblick. Hier setzen die DIN-Normen für Finanzdienstleistungen an: Sie schaffen einheitliche, transparente Prozesse – von der Basis-Finanzanalyse über die Unternehmensanalyse bis zur Risikoprofilierung und zur Abfrage von Nachhaltigkeitspräferenzen. Klare Schnittstellen und definierte Arbeitsschritte machen die Anwendung einfach und gut in Beratungstools integrierbar.
Aktuell prägen vier zentrale Normen die Beratungspraxis
- DIN 77230: Basis-Finanzanalyse für Privathaushalte
- DIN 77235: Finanz- und Risikoanalyse für Freiberufler, Gewerbetreibende, Selbstständige und KMU
- DIN 77223: Risikoprofilierung von Privatanlegern
- DIN 77236: Nachhaltigkeitspräferenzen und Nachhaltigkeitsscoring von Finanzprodukten
Gemeinsam bilden sie ein schlüssiges System: Analyse der Ausgangssituation (77230/77235), Ermittlung des Risikoprofils (77223) und Berücksichtigung von ESG-Präferenzen samt Produkt-Scoring (77236).
Aufbau der Normen: Von der Diagnose zur passenden Lösung
Allen Normen gemeinsam ist ein klarer, standardisierter Ablauf. Datenaufnahme, Auswertung und Dokumentation sind so beschrieben, dass der Prozess nachvollziehbar und reproduzierbar wird. Das schafft Sicherheit und erleichtert die digitale Umsetzung.
- Die DIN 77230 z. B. strukturiert die Finanzen privater Haushalte entlang definierter Themenfelder und Bedarfsstufen. Ziel ist eine neutrale „Diagnose“ zur Absicherung, Vorsorge und Vermögensplanung. Analyse und Produktempfehlung werden getrennt gedacht: Erst Bedarf, dann Lösungen.
- DIN 77235 überträgt diesen Ansatz auf Selbstständige, Freiberufler, Gewerbetreibende und KMU. Im Mittelpunkt stehen Liquidität, Ertragskraft, betriebliche Risiken und die Unternehmerperson. Private und betriebliche Aspekte werden zu einer einheitlichen Finanz- und Risikoanalyse verbunden.
- DIN 77223 definiert den Prozess zur Risikoprofilierung von Privatanlegern. Abgefragt werden Risikotragfähigkeit, Kenntnisse und Erfahrungen sowie die persönliche Risikobereitschaft. Das daraus resultierende Profil ist der Anlageberatung vorgelagert und gibt Produktempfehlungen eine klare Leitplanke.
- DIN 77236 ergänzt das System um das Thema Nachhaltigkeit. Teil 1 beschreibt die strukturierte Erfassung der Nachhaltigkeitspräferenzen: Welche ökologischen, sozialen oder Governance-Aspekte sind wichtig, welche Ausschlusskriterien oder Mindeststandards sollen gelten? Teil 2 legt fest, wie Finanzund Versicherungsanlageprodukte anhand ihrer Nachhaltigkeitseigenschaften eingestuft werden. Ein Nachhaltigkeitsscore verknüpft Kundenwünsche und Produktwelt.
Vorteile für Kundinnen und Kunden
Für Verbraucherinnen und Verbraucher bringen die Normen vor allem drei Dinge:
1. Mehr Transparenz: Die Schritte der Analyse und Profilierung sind klar nachvollziehbar. Kunden sehen, warum welche Themen angesprochen werden und wie aus ihren Angaben konkrete Empfehlungen entstehen.
2. Vergleichbarkeit: Wer nach DIN-Normen beraten wird, kann Angebote besser vergleichen – unabhängig vom Anbieter. Die einheitliche Struktur der Analysen, Risikoprofile und Nachhaltigkeitsabfragen macht Beratungsqualität sichtbarer.
3. Fokus auf den Bedarf: Da Analyse und Produktverkauf getrennt gedacht sind, rückt der tatsächliche Bedarf ins Zentrum. Erst wenn klar ist, was wichtig ist, geht es um konkrete Lösungen. So steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Absicherung, Vorsorge, Geldanlage und Nachhaltigkeitsausrichtung wirklich zur Lebenssituation passen.
Vorteile für Beratungskräfte und Institute
Für Beraterinnen und Berater sowie für Banken, Versicherer und Maklerunternehmen bieten die Normen zusätzliche Vorteile:
- Professionalisierung der Beratung: Standardisierte Abläufe senken Fehlerrisiken, erleichtern Schulung und Qualitätssicherung. Neue Mitarbeitende lassen sich schneller einarbeiten, weil „der Weg durch die Beratung“ klar vorgegeben ist.
- Rechtssicherheit und Dokumentation: Eine normkonforme Analyse erzeugt eine strukturierte Dokumentation – ein Plus in Haftungs- und Prüfungsfragen. Prüfinstanzen finden nachvollziehbare Unterlagen vor.
- Effizienz im Alltag: Klare Schnittstellen und feste Schritte lassen sich einfach in Systeme und Workflows integrieren. Das spart Zeit, reduziert Doppelarbeit und schafft mehr Raum für den Dialog mit dem Kunden.
- Profilierung im Markt: Zertifizierungen nach DIN-Normen machen Qualität sichtbar und stärken Vertrauen. Institute und Beratungskräfte können bedarfsorientierte Beratung als Vorteil im Wettbewerb nutzen.
Ein Baukastensystem für moderne Finanzberatung
Besonders wirkungsvoll ist das System, wenn die Normen kombiniert eingesetzt werden: DIN 77230 mit DIN 77235 sorgen für eine strukturierte Analyse der finanziellen Ausgangslage von Privatpersonen mit betrieblicher Sphäre: Ärzte, Anwälte, Apotheker, Freelancer… DIN 77223 liefert dazu das Risikoprofil des Anlegers. DIN 77236 erhebt ESG-Präferenzen und ordnet passende Produkte über ein Nachhaltigkeitsscore-Verfahren zu. So entsteht ein durchgängiger, normgestützter Beratungsprozess – von der Bestandsaufnahme über Risiko- und Nachhaltigkeitsdimension bis zur Produktauswahl. Die DIN-Normen wirken wie verbindende Schienen, auf denen sich individuelle Beratung sicher und strukturiert bewegen kann und sich einfach digital abbilden lässt.
Rolle der Normung und Ausblick
Zugleich erleichtern die Normen den Dialog mit Aufsicht, Verbänden und Verbraucherschutz. Sie zeigen, dass Beratung nicht „aus dem Bauch heraus“, sondern nach einem transparent veröffentlichten Standard erfolgt. In der Umgebung von MiFID II, IDD und zunehmenden ESG-Anforderungen dienen sie als praxisnahe Übersetzung regulatorischer Vorgaben in den Beratungsalltag. Mit ihrer Weiterentwicklung wächst ein Baukastensystem, das Qualität messbar macht, ohne den persönlichen Austausch zu ersetzen. So verbindet normgestützte Finanzberatung Struktur und Menschlichkeit.
Ein Beitrag von Prof. Hans-Wilhelm Zeidler, Vorsitzender, DEFINO Kuratorium

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