Greenwashing in Camouflage? Nachhaltigkeit versus Rüstungsrendite
27.02.2026

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Manchmal beschleicht mich das Gefühl, wir stehen kurz davor, dass Elektropanzer mit veganen Gulaschkanonen über das Schlachtfeld rollen. Klimaneutral, CO2-kompensiert, mit ESG-Reporting im Handschuhfach. Falls es dazu nicht mehr kommt, erledigen uns vielleicht vorher die TeslaLaser aus dem Weltall. Man weiß ja nie…
Bevor jetzt jemand fragt, ob ich den Verstand verloren habe: Nein! Ich beschreibe lediglich den Zeitgeist an den Kapitalmärkten. Denn eines ist unübersehbar: Rüstung ist zurück. Und zwar mit Wucht. Bombenstimmung an den Märkten – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Gleichzeitig bleibt Nachhaltigkeit das große Leitmotiv unserer Branche. Sie wird immer strenger reguliert, abgefragt, dokumentiert, zertifiziert. MiFID, EU-Taxonomie, ESG. Kaum ein Beratungsgespräch kommt ohne das Thema aus. Ein zweischneidiges Schwert.
Ende 2025 hat das schwedische Friedensforschungsinstitut SIPRI seinen alljährlichen Bericht zur weltweiten Rüstungsentwicklung veröffentlicht. Der Tenor ist eindeutig: Zumindest für die Waffenschmieden dieser Welt herrscht Hochkonjunktur. Mit Militärgerät lässt sich derzeit sehr gutes – und sehr schmutziges – Geld verdienen. Die Umsätze der großen Rüstungshersteller beliefen sich zuletzt auf mehrere hundert Milliarden US-Dollar, mit klar steigender Tendenz. Auch Deutschland hat daran einen spürbaren Anteil.
Als ich 2022 meinen ESG-Nachhaltigkeitsexperten gemacht habe, war die Welt noch übersichtlich: E steht für Environmental, S für Social, G für Governance. Drei gleichberechtigte Säulen – so zumindest die Theorie. Und heute? Anfang 2026 frage ich mich ernsthaft: Wo sind eigentlich S und G geblieben? Auf der einen Seite diskutieren wir leidenschaftlich darüber, ob der Jutebeutel auch wirklich aus einer BioKooperative stammt. Auf der anderen Seite stellen mir dieselben Kunden, die gestern noch „unbedingt nachhaltig investieren“ wollten, heute ganz nüchtern die Frage: „Wie sieht es eigentlich mit Rüstungswerten aus? Da passiert doch gerade einiges.“
Und sie haben recht. Die Umsätze explodieren, die Kurse laufen, die Nachfrage steigt. Aktien von Rheinmetall und anderen Rüstungskonzernen stehen plötzlich ganz selbstverständlich auf Watchlisten – oft ohne jedes moralische Zögern. Gestern Nachhaltigkeit, heute Verteidigung, morgen Rendite. Das ist kein Zynismus. Das ist Realität. Denn Kapital folgt Risiken. Immer. Wenn Sicherheit wieder zur knappenRessource wird, bekommt sie eben einen Preis – und einen Markt.
Die ESG-Logik der letzten Jahre stammt aus vergleichsweise ruhigen Zeiten. Sie gerät ins Wanken, sobald Begriffe wie Wehrhaftigkeit, Abschreckung und Verteidigung wieder eine Rolle spielen. Dabei müssten sich Naturverbundenheit und Wehrhaftigkeit gar nicht ausschließen. Wer erinnert sich nicht an Avatar? Oder, etwas putziger: die Ewoks. Ein naturverbundenes Volk, hochspirituell – und dennoch bereit, sich zu verteidigen. Wehrhaftigkeit ist kein Widerspruch zur Nachhaltigkeit. Aber sie ist ein massiver Stresstest für unsere moralischen Erzählungen.
Und genau hier wird es für uns Vermittler unbequem. Denn wir können diesen Widerspruch nicht länger weglächeln oder sauber wegdokumentieren. ESG ist kein moralischer Schutzschild, sondern ein Denkrahmen. Und der wird gerade bis an seine Grenzen gedehnt. Manchmal frage ich mich, wie konsequent wir diese Logik eigentlich noch zu Ende denken. Gestern haben wir nachhaltige Bio-Fonds verkauft. Heute freuen wir uns über Rüstungsrenditen. Und morgen?
Vielleicht kommt ja das erste Sarg-Investment. Umweltfreundlich, regional produziert, mit einem hübschen Genussrecht hinterlegt. Läuft in Friedenszeiten, läuft in Kriegszeiten. Demografiefest, konjunkturunabhängig. Und gestorben wird schließlich immer – im Frieden wie im Krieg. Für den Werbejingle dieses Gedankenspiels müsste man nicht einmal kreativ werden. Die Ärzte haben das schon 1995 auf Planet Punk gebracht. In ihrem Song Opfer heißt es wörtlich: „An jedem zweiten Krüppel verdien’ ich eine Mark, und wenn er am Krepieren ist, verkauf’ ich ihm den Sarg.“
Lasst es nicht so weit kommen. Auf ins Gefecht!
Ein Beitrag von BANKROCKER® | Stephan Heider, MBA
… kämpft lieber mit Papier und Tinte, also Stahl und Bomben...
Und für alle, die lieber hören statt lesen - hier der Bankrocker-Beitrag als Audio-Datei:

Bankrocker Stephan Heider / Foto: © Alexey_Testov

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