Wirtschaftskriminalität hat viele Gesichter - die größte Gefahr ist, sie nicht zu kennen

22.01.2026

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Gefälschte Lebensläufe, veruntreute Gelder, Datenmissbrauch: Wirtschaftskriminalität tarnt sich gern als Alltag. Die Prokuristin von system 360 sitzt in ihrem Büro in Luzern und spricht über ein Phänomen, das viele Unternehmen unterschätzen: Die größten Risiken sind nicht die spektakulären Betrugsfälle aus den Medien, sondern die stillen, schleichenden Vergehen, die niemand bemerkt. Mehles und ihr Team haben sich darauf spezialisiert, genau diese verborgenen Gefahren sichtbar zu machen, durch Pre-Employment-Checks, interne Ermittlungen und die Implementierung von Hinweisgebersystemen. Nach vielen Jahren Erfahrung weiß sie: Wirtschaftskriminalität beginnt dort, wo niemand hinsieht.

Redaktion: Frau Mehles, Sie sagen, Wirtschaftskriminalität hat viele Gesichter. Was meinen Sie damit konkret?

Anne Mehles: Die meisten Menschen haben ein sehr klares Bild im Kopf, wenn sie an Wirtschaftskriminalität denken. Der Betrüger im Anzug, der mit dem Geld verschwindet. Die internationale Geldwäsche. Der spektakuläre Bilanzskandal. Aber die Realität sieht völlig anders aus. Wirtschaftskriminalität beginnt oft im Kleinen und ist extrem unauffällig. Ein gefälschter Lebenslauf bei einer Bewerbung. Ein Mitarbeiter, der vertrauliche Informationen weitergibt. Eine nicht offengelegte Interessenkollision. Das sind die Fälle, die wir täglich sehen. Und genau diese Unauffälligkeit macht sie so gefährlich.

Redaktion: Warum wird das so unterschätzt?

Mehles: Weil es nicht laut ist. Es gibt keinen dramatischen Moment, keine Polizeisirenen. Es passiert schleichend, im Verborgenen, oft über Jahre hinweg. Ein Mitarbeiter, dem man vertraut, nutzt dieses Vertrauen aus. Langsam, systematisch. Bis irgendwann auffällt, dass etwas nicht stimmt. Aber dann ist der Schaden oft schon immens. Die größte Gefahr bei Wirtschaftskriminalität ist nicht die Tat selbst, sondern dass man sie nicht erkennt.

Redaktion: system 360 arbeitet seit über 35 Jahren in diesem Bereich. Was macht Ihre Herangehensweise besonders?

Mehles: Wir verbinden kriminalistische Ermittlungsmethoden mit der Flexibilität eines privaten Dienstleisters. Das bedeutet, wir arbeiten strukturiert und präzise wie eine Ermittlungsbehörde, sind als Boutiqueberatung aber nicht von Kapazitätsproblemen oder Fachkräftemangel betroffen. Wir können schnell reagieren, international agieren, kreativ denken. Unser Team ist interdisziplinär zusammengesetzt: Juristen, Kriminalisten, Psychologen, Betriebswirte und Informatiker. Jeder Fall braucht seine ganz eigenen Perspektiven. Und wir kennen kein Schema „F“. Jede Situation ist einzigartig und erfordert eine maßgeschneiderte Analyse und Lösung.

Redaktion: Können Sie uns ein Beispiel geben, wo diese Herangehensweise entscheidend war?

Mehles: Ich denke da an einen Fall aus dem letzten Jahr. Ein mittelständisches Unternehmen hatte einen neuen Geschäftsführer eingestellt. Referenzen glänzend, Lebenslauf beeindruckend, Empfehlungsschreiben von renommierten Firmen. Nach drei Monaten begannen Unstimmigkeiten. Entscheidungen, die nicht nachvollziehbar waren. Das Unternehmen beauftragte uns mit einer Überprüfung. Wir haben recherchiert, Dokumente analysiert, Gespräche geführt. Das Ergebnis war erschütternd: Der Mann hatte zentrale Stationen seines Lebenslaufs erfunden. Er war nie Geschäftsführer bei dem internationalen Konzern, den er angegeben hatte. Dies ließ sich aus den Handelsregister-Daten in keiner Weise nachvollziehen. Am Ende stellte sich dann heraus, dass er als aktiver Teilnehmer in diversen extremistischen Foren unterwegs gewesen ist und dort geopolitisch fragwürdige Aussagen getroffen hat.

Redaktion: Wie ist so etwas möglich? Wird denn nicht vorher geprüft?

Mehles: Viele Unternehmen verlassen sich auf die Angaben der Bewerber. Ein LinkedIn-Profil sieht gut aus, ein Empfehlungsschreiben wirkt authentisch. Aber wer verifiziert diese Informationen innerhalb des Unternehmens? Wer geht wirklich so sehr in die Tiefe und überprüft mögliche Aktivitäten im Dark Net? Das ist aufwändig und kostet sehr viel Zeit. Viele denken, das passiert schon anderen, aber nicht uns. Genau das ist der Fehler. Pre-Employment-Checks sind keine Schikane, sondern notwendiger Schutz. Wir können das verifizieren, was andere nicht überprüfen können.

Redaktion: Ein anderer Schwerpunkt Ihrer Arbeit sind interne Ermittlungen. Wie gehen Sie dabei vor?

Mehles: Strukturiert und diskret. Wenn ein Unternehmen den Verdacht hat, dass etwas nicht stimmt, ganz egal ob Betrug, Korruption, Datenmissbrauch, kommen wir ins Spiel. Wir recherchieren Informationen, analysieren Dokumente und führen Befragungen durch. Dabei ist wichtig, dass wir niemanden unter Generalverdacht stellen.

Redaktion: Das Hinweisgeberschutzgesetz ist gerade ein großes Thema. Welche Bedeutung hat es für Unternehmen?

Mehles: Das HinSchG ist eine enorme Chance. Endlich gibt es einen rechtlichen Rahmen, der Menschen schützt, die auf Missstände hinweisen. Whistleblower sind keine Verräter, sondern oft die einzigen, die mit Courage auf Fehlentwicklungen aufmerksam machen. Aber das Gesetz bringt auch Pflichten mit sich. Unternehmen ab einer bestimmten Größe müssen interne Meldesysteme einrichten. Das klingt erstmal einfach, ist es aber nicht. Ein System allein reicht nicht. Man braucht Menschen, die wissen, wie man mit solchen Hinweisen umgeht. Wie man sie bewertet, wie man ermittelt, ohne Panik zu verbreiten. Wir unterstützen Unternehmen genau dabei.

Redaktion: Wo liegen die größten Fehler, die Unternehmen im Umgang mit Wirtschaftskriminalität machen?

Mehles: Sie unterschätzen ihre eigene Betroffenheit. Viele denken, Wirtschaftskriminalität betrifft nur große, internationale Konzerne. Das stimmt nicht. Jedes Unternehmen kann davon betroffen sein. Ich habe Fälle gesehen, in denen langjährige Mitarbeiter systematisch Gelder veruntreut haben. Jahrelang. Weil niemand hingeschaut hat. Weil Vertrauen blind gemacht hat. Vertrauen ist wichtig, keine Frage. Aber Vertrauen ersetzt keine effektiven Sicherungsmechanismen.

Redaktion: Was unterscheidet system 360 von klassischen Ermittlungsbehörden?

Mehles: Flexibilität und Diskretion. Wir sind schnell, können international agieren und nutzen modernste Technologie. KI-gestützte Analyse-Tools, Open-Source-Intelligence, digitale Forensik, um nur einen kleinen Einblick in unseren Werkzeugkasten zu geben. Aber wir verlassen uns nie nur auf Algorithmen. Am Ende zählen das menschliche Urteilsvermögen und unsere kriminalistische Erfahrung in der Bewertung solch sensibler Sachverhalte. Außerdem arbeiten wir absolut vertraulich. Unsere Mandanten können darauf vertrauen, dass nichts nach außen dringt. Das ist für unsere Klienten entscheidend.

Redaktion: Sie betonen immer wieder die Balance zwischen Erfahrung und Innovation in Ihrem Team. Warum ist das wichtig?

Mehles: Weil Wirtschaftskriminalität sich ständig weiterentwickelt. Wir haben Kollegen, die seit Jahrzehnten in diesem Feld arbeiten. Die kennen jeden Trick, jede Masche. Und wir haben junge Talente, die mit digitalen Bedrohungen aufgewachsen sind. Die haben einen anderen Zugang zu digitalen Bedrohungen, Cybercrime und KI und verstehen digitale Wirtschaftskriminalität intuitiv. Diese Kombination ist unschlagbar. Erfahrung ohne Innovation führt zur Stagnation. Innovation ohne Erfahrung ist naiv. Wir brauchen beides.

Redaktion: Was raten Sie Unternehmen, die ihre Sicherheit verbessern wollen?

Mehles: Drei Dinge. Erstens: Nehmen Sie die Bedrohung ernst. Auch die, die unangenehm sind. Auch die, die das eigene Team betreffen könnten. Zweitens: Investieren Sie in Prävention. Es ist immer billiger, Probleme zu verhindern, als sie später aufzuarbeiten. Drittens: Externe Expertise ist kaum zu ersetzen. Sie müssen nicht alles selbst können. Es macht in den wenigsten Fällen wirtschaftlich Sinn, sich auf eine reine Inhouse-Lösung zu verlassen, weil diese ebenfalls unmittelbar beeinflussbar ist. Durch unsere externe Expertise stellen wir sicher, dass sämtliche Sachverhalte unvoreingenommen ermittelt werden. Und vor allem: Schauen Sie hin. Die meisten kriminellen Handlungen hinterlassen Spuren. Aber man muss bereit sein, sie zu sehen.

Redaktion: Zum Abschluss: Was treibt Sie persönlich an?

Mehles: Gerechtigkeit und Klarheit. Ich möchte, dass Unternehmen Entscheidungen auf einer soliden Grundlage treffen können – ohne im Dunkeln zu bleiben. Dass sie wissen, wem sie vertrauen können und wo Risiken verborgen sind. Wirtschaftskriminalität zerstört nicht nur Bilanzen, sie untergräbt Vertrauen. Und Vertrauen ist das Fundament jeder erfolgreichen Organisation. Genau deshalb tun wir, was wir tun. Seit über 35 Jahren.

Redaktion: Frau Mehles, vielen Dank für das Gespräch.