Zwischen KI-Boom und knappen Stromkapazitäten

22.10.2026

Warum Rechenzentrumsinvestoren über den Hype hinausblicken müssen / Foto: © wirkungswerk

Während der europäische Rechenzentrumsmarkt weiter wächst, wird die Debatte zunehmend von steigender KI-Nachfrage bestimmt. Die langfristig erfolgreichsten Investments werden sich jedoch kaum allein danach bestimmen, wer das größte Exposure zu diesem langfristigen Trend aufbaut.

KI hat in diesem Jahr zu einem Nachfrageschub geführt, die attraktivsten Anlagemöglichkeiten sind jedoch breiter verteilt. Standorte mit starker Glasfaserkonnektivität, etablierten Cloud-Ökosystemen und nachhaltiger Unternehmensnachfrage haben das größte Potenzial. Sie profitieren vom langfristigen Cloud-Wachstum – gestützt von steigenden Anforderungen an digitale Souveränität – und bieten resiliente, langfristige Opportunitäten, die nicht nur am KIWachstum hängen. In dieser Phase wächst die KI-bezogene Nachfrage im europäischen Markt zwar rasant, doch zahlt sich ein vorsichtiger und selektiver Ansatz langfristig aus. Rechenzentren, die primär für das Training von KI-Modellen entstehen, beruhen oft auf spekulativeren langfristigen Nachfrageannahmen, deren Beständigkeit weniger sicher ist als bei Cloud- und Enterprise-Infrastruktur. Investitionen in Cloud-orientierte Standorte ermöglichen es Investoren etwa, von einer nachhaltigen Cloud-Nachfrage zu profitieren und gleichzeitig an KI-Anwendungen teilzuhaben, die ein wichtiger künftiger Treiber der Flächen- und Kapazitätsnachfrage sein werden. Daten von CBRE zeigen, dass sich die KI-bezogenen Colocation-Abschlüsse in Europa im 1. Halbjahr 2026 auf 420 MW mehr als vervierfacht haben. Vor allem AI Inference entwickelt sich neben Cloud- und EnterpriseWorkloads zu einem echten Nachfragetreiber in Kernmärkten wie London und Paris.

Digitale Souveränität wird zum zweiten Wachstumstreiber

Zugleich gewinnt digitale Souveränität als struktureller Nachfragetreiber an Bedeutung. Europäische Staaten wollen zunehmend KI-Kompetenzen im eigenen Land aufbauen und Daten innerhalb ihrer Grenzen verarbeiten. Davon profitiert der Sektor insgesamt – vom Training von KI-Modellen und AI Inference bis hin zu Cloud- und Enterprise-Infrastrukturen. Souveränität bleibt ein starker Nachfragetreiber, sollte aber nicht isoliert betrachtet werden. Investoren sollten prüfen, wo sie tatsächlich wirkt und in welchen Märkten die langfristigen Nachfragefundamente gemessen am verfügbaren Angebot am belastbarsten sind. Damit rücken die etablierten Cloud-Hubs Frankfurt, London und Paris in den Fokus: Sie verbinden Konnektivität, ausgereifte Ökosysteme und Nachfrage von Unternehmen mit wachsenden Anforderungen an Sovereign-Cloud-Lösungen. Auch Sekundärmärkte wie Berlin und Madrid dürften von einer Ausweitung der Souveränitätsanforderungen profitieren. Um sich jedoch nachhaltig zu etablieren, benötigen diese Märkte mehr als politische Unterstützung und Nachfrage auf Nutzerseite.

Nachfrage ist nicht das Problem – die Umsetzung wird zum Engpass

Engpässe bei Stromversorgung, Planung, Glasfaserkonnektivität und die erforderliche Expertise erschweren den Kapazitätsausbau an den attraktivsten Standorten zunehmend. In vielen europäischen Märkten kann die Sicherung eines Netzanschlusses Jahre dauern. Deren Verfügbarkeit und Genehmigungsverfahren werden so zu Schlüsselfaktoren für die langfristige Wertentwicklung eines Standortes. Ist neues Angebot nur schwer zu realisieren, profitieren bestehende Assets in etablierten Märkten von höheren Auslastungsraten, steigenden Mieten und höheren AssetWerten. Knappheit kann die Investmentperformance daher zusätzlich stützen. Eine sorgfältige Marktauswahl sowie die Zusammenarbeit mit erfahrenen Betreibern werden damit immer wichtiger.

Die Energiekosten sind ein weiterer Risikofaktor. Die Gaspreise sind 2026 infolge geopolitischer Verwerfungen gestiegen, und Betreiber geben die Mehrkosten meist an ihre Kunden weiter. Für Investoren und Nutzer ist das ein zusätzlicher Kostenfaktor in einem Sektor, der bereits mit der Verfügbarkeit und Zuverlässigkeit der Stromversorgung ringt. Auch die Regulierung entscheidet zunehmend darüber, welche Märkte künftiges Wachstum aufnehmen können. Einige Regierungen versuchen, Entwicklungshemmnisse abzubauen: Frankreich führte im 2. Quartal 2026 per Gesetz den PINM-Status ein, um Genehmigungsverfahren und Netzanschlüsse für qualifizierte Rechenzentrums- und Sovereign-AIProjekte zu beschleunigen. Ziel ist, durch die Zentralisierung von Planungsentscheidungen die Fertigstellung strategisch wichtiger Infrastruktur, wie Rechenzentren, anzukurbeln.

Deutschland hat hingegen die Effizienzanforderungen für neue Anlagen im Vergleich zum Bestand verschärft. Unklare Netzanschlussregeln können zudem zum Hemmnis werden, indem sie Investitionsentscheidungen verzögern. Das Ergebnis ist eine zunehmend fragmentierte europäische Marktlandschaft mit sehr unterschiedlichen Investmentbedingungen. Investoren müssen prüfen, ob ausreichend Strom verfügbar ist, die Planungsverfahren Projektentwicklungen ermöglichen, eine ausreichende Glasfaseranbindung besteht und die Regulierung genügend Sicherheit für Investitionen bietet. Nachfrage allein entscheidet längst nicht mehr über den Erfolg neuer Standorte.

Fazit

Mit zunehmender Reife des Sektors wird sich entscheiden, welche Märkte sich als die erfolgreichsten Investments erweisen: nämlich jene, die eine nachhaltige Nachfrage mit begrenztem Angebot, zuverlässiger Konnektivität, Stromzugang und einem investitionsfreundlichen regulatorischen Umfeld verbinden können. In einem Markt, in dem der Hype groß und Strom knapp ist, sollten Investoren den Durchführungsrisiken und den fundamentalen Marktbedingungen ebenso viel Aufmerksamkeit schenken wie den Wachstumsprognosen.

Ein Beitrag von Sebastian Dooley, Senior Fund Manager, Principal Asset Management