Das gefährlichste Risiko ist das, welches niemand auf dem Zettel hat

27.10.2026

Warum Risikomanagement im Unternehmen lange vor der Versicherung beginnt / Foto: © wirkungswerk

Wenn ich Unternehmer frage, ob ihr Unternehmen gut versichert ist, bekomme ich meistens eine schnelle Antwort. In der Regel lautet diese: „Ja, davon gehe ich aus.“ Frage ich allerdings, welche Risiken das eigene Unternehmen wirklich ernsthaft gefährden könnten, wird die Antwort schon schwieriger. Dabei ist genau das aus meiner Sicht die Frage, mit der Risikomanagement beginnen sollte.

Zuerst das Risiko, dann die Lösung

Ich komme ursprünglich aus der Versicherungsbranche und beschäftige mich seit vielen Jahren mit der Absicherung von Unternehmen. Trotzdem bin ich der Meinung, dass wir bei der Beratung häufig bereits über Lösungen sprechen, bevor wir die eigentlichen Risiken vollständig kennen. Bevor sich ein Unternehmer mit konkreten Versicherungen beschäftigt, sollte er sich deshalb zunächst mit den eigenen Risiken auseinandersetzen. Was passiert beispielsweise, wenn der Unternehmer oder Geschäftsführer plötzlich für längere Zeit ausfällt? Wie stark ist das Unternehmen von einzelnen Kunden, Mitarbeitern oder Lieferanten abhängig? Was passiert bei einem längeren Betriebsausfall? Und wie lange kann das Unternehmen einen größeren finanziellen Schaden aus eigener Kraft tragen? Nicht alle diese Risiken lassen sich versichern. Und nicht alle müssen versichert werden. Wichtig ist zunächst einmal, dass wir sie kennen.

In der Praxis sind es dabei übrigens nicht immer die großen und offensichtlichen Themen, die am Ende den größten Handlungsbedarf auslösen. Bei einem Unternehmen kann es die viel zu niedrig angesetzte Versicherungssumme sein, beim nächsten die starke Abhängigkeit von einem einzelnen Kunden oder Mitarbeiter. Und manchmal stellt sich im Gespräch auch ganz banal die Frage, wer eigentlich Entscheidungen treffen und auf wichtige Unterlagen zugreifen kann, wenn der Unternehmer morgen ausfällt. Genau deshalb lässt sich Risikomanagement aus meiner Sicht auch nicht mit einer Standardlösung abarbeiten. Jedes Unternehmen funktioniert anders und hat damit auch seine eigenen Risiken.

Welche Risiken sind wirklich relevant?

Im nächsten Schritt müssen wir uns anschauen, welche Auswirkungen die einzelnen Risiken auf das Unternehmen haben können. Dabei spielen für mich vor allem zwei Fragen eine Rolle: Wie wahrscheinlich ist es, dass etwas passiert, und wie schwer wären die Folgen für das Unternehmen? Ein Schaden kann sehr unwahrscheinlich sein, im Ernstfall aber trotzdem die Existenz eines Unternehmens gefährden. Andere Schäden treten vielleicht häufiger auf, können finanziell jedoch problemlos selbst getragen werden. Aus meiner Sicht geht es deshalb nicht darum, möglichst viele Risiken aufzuschreiben. Viel wichtiger ist es, die wesentlichen Risiken zu erkennen und dann die richtigen Prioritäten zu setzen.

Risikomanagement muss dabei gar nicht unnötig kompliziert werden. Zunächst müssen wir wissen, welche Risiken vorhanden sind und welche davon für das Unternehmen wirklich relevant werden können. Danach geht es darum, diese zu bewerten und zu entscheiden, wo tatsächlich Handlungsbedarf besteht. Und natürlich gehört auch dazu, regelmäßig wieder hinzuschauen. Denn eine Risikobetrachtung, die einmal erstellt und danach für die nächsten fünf Jahre abgeheftet wird, bringt dem Unternehmer am Ende relativ wenig. Erst wenn wir das verstanden haben, sollten wir uns mit den konkreten Lösungen beschäftigen. Und eine dieser Lösungen kann dann natürlich auch eine Versicherung sein.

Versicherung ist ein Teil des Risikomanagements

Natürlich spielen Versicherungen eine wichtige Rolle. Bestimmte finanzielle Risiken können auf einen Versicherer übertragen werden. Andere Risiken lassen sich durch organisatorische oder technische Maßnahmen reduzieren oder können vom Unternehmen bewusst selbst getragen werden. In meiner täglichen Arbeit erlebe ich immer wieder Unternehmen, die auf den ersten Blick umfangreich versichert sind. Schaut man sich die Situation genauer an, stellt man aber beispielsweise fest, dass Versicherungssummen über Jahre nicht angepasst wurden, neue Tätigkeiten hinzugekommen sind oder sich das Unternehmen insgesamt deutlich verändert hat. Der Versicherungsvertrag ist also vorhanden. Ob er noch zum Unternehmen und zum tatsächlichen Risiko passt, ist eine ganz andere Frage. Genau aus diesem Grund verstehe ich Versicherungsberatung als einen Bestandteil eines wesentlich umfassenderen Risikomanagements.

Es muss für den Unternehmer funktionieren

Ich bin kein Freund davon, aus dem Thema Risikomanagement eine Wissenschaft zu machen. Gerade kleine und mittelständische Unternehmen benötigen aus meiner Sicht keine riesigen Tabellen oder Handbücher, die anschließend irgendwo abgelegt werden und im täglichen Geschäft keine Rolle mehr spielen. Viel wichtiger ist es, die wesentlichen Risiken zu kennen, Maßnahmen festzulegen und regelmäßig zu überprüfen, was bereits umgesetzt wurde und wo noch Handlungsbedarf besteht. Unternehmen verändern sich. Sie investieren, Mitarbeiter kommen hinzu oder verlassen das Unternehmen, Umsätze verändern sich, neue Geschäftsfelder entstehen oder einzelne Kunden werden plötzlich deutlich wichtiger als noch vor einigen Jahren. Und damit verändern sich eben auch die Risiken. Deshalb ist Risikomanagement für mich keine einmalige Aufgabe, sondern ein laufender Prozess. Genau diese fortlaufende Betrachtung gehört für mich zu einer vernünftigen Risikoberatung.

Und was hat das mit § 1 StaRUG zu tun?

Was zunächst einfach nach vernünftigem unternehmerischem Handeln klingt, hat auch eine gesetzliche Bedeutung. § 1 StaRUG verpflichtet Geschäftsleiter dazu, fortlaufend über Entwicklungen zu wachen, welche den Fortbestand des Unternehmens gefährden können, und bei entsprechenden Entwicklungen geeignete Gegenmaßnahmen zu ergreifen. In meinem Beratungsalltag stelle ich immer wieder fest, dass diese Verpflichtung vielen Unternehmern noch nicht oder zumindest nicht ausreichend bekannt ist. Dabei geht es aus meiner Sicht gar nicht darum, zusätzliche Bürokratie im Unternehmen zu schaffen. Der eigentliche Gedanke dahinter ist relativ einfach: Risiken und negative Entwicklungen möglichst frühzeitig erkennen und handeln, bevor daraus ein ernsthaftes Problem für das Unternehmen entsteht. Und damit sind wir wieder bei der Eingangsfrage.

Das gefährlichste Risiko muss nicht unbedingt das größte sein. Es kann auch das sein, mit dem sich bisher schlicht niemand beschäftigt hat.

Ein Beitrag von Robert Radicke, BVSV Gewerbezentrum, Dresden (West)