Tanz auf dem Vulkan am Bondmarkt
26.10.2026

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An den globalen Anleihemärkten brodelt es. Die langfristigen Kapitalmarktzinsen weisen steil nach oben. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen stieg in der ersten Oktoberwoche auf 5,36 Prozent. Die Verzinsung der 30-Jährigen lag zeitweise bei 5,73 Prozent. Das sind Niveaus, wie es sie vor Ausbruch der Finanzkrise vor 20 Jahren gab. Die europäischen und asiatischen Märkte können sich dem Sog des weltgrößten Bondmarktes kaum entziehen. Im Gleichschritt ziehen die Zinsen für klassische Unternehmenskredite, Verbraucherkredite oder Hypotheken an.
Verwunderlich ist allerdings, dass die Aktienmärkte die Krisensignale übersehen, gar ignorieren. Ungeachtet der tektonischen Verschiebungen an den Märkten für Schuldverschreibungen befinden sich viele Börsenindizes in der Nähe der Rekordhöhen.
Man kann es auch so formulieren: Anleihe- und Aktienmärkte sprechen unterschiedliche Sprachen. Erstere verlangen fast täglich Risikoaufschläge für ein System, das an seine Grenzen gerät. Zweite scheinen in den besten aller möglichen Welten, bestehend aus steigenden Unternehmensgewinnen, atemberaubendem technologischem Fortschritt im Bereich KI und entsprechenden Produktivitätssprüngen. Wer hat also recht? Vieles spricht dafür, dass die Börsianer einen Tanz auf dem Vulkan vollführen. Denn steigende Kapitalmarktzinsen sind für gewöhnlich Gift für Aktien, da beide Anlagekategorien um Investorengelder konkurrieren.
Das Epizentrum des Bondbebens jedenfalls liegt eindeutig in den USA, ausgehend von jenem Präsidenten, der versprochen hatte, die Kreditkosten zu senken. Die Politik Donald Trumps bewirkt das Gegenteil: Rapide steigende Staatsverschuldung, wachsende Inflationssorgen, schwindendes Vertrauen in die Nachhaltigkeit des staatlichen Finanzgebarens und Krisenmanagements sind ein gefährliches Gemisch.
Die steigenden Anleiherenditen sind Symptom dieser Entwicklung – und am Ende untrügliches Zeichen für eine neue Ära, in der Kapital wieder einen Preis hat. Man kann das als endgültige Rückkehr zur historischen Normalität nach einer Nullzinsphase infolge der Finanzkrise interpretieren, wäre da nicht der erhebliche Vertrauensverlust in die staatlichen Institutionen – allen voran in die der größten Volkswirtschaft der Welt.
Dabei sind sich die Finanzakteure nicht sicher, welche der Botschaften aus den USA irritierender sind: Dass erstens US-Finanzminister Scott Bessent von sich behauptet, er sei der „Chef im Ring“, und neuerdings langlaufende Staatsanleihen kaufen lässt, um sie durch kurzfristige zu ersetzen. Ein allzu durchsichtiges Manöver, um die Zinslast zu drücken. Der Staat erhält kurzfristig günstigere Finanzierungskonditionen, allerdings zu einem großen Zinsänderungsrisiko. Denn steigende Zinsen schlagen so viel schneller auf den Haushalt durch.
Und schlimmer noch: Bessent hat die Akteure geradezu ermuntert, gegen das mächtige Treasury zu wetten. Mindestens ebenso irritierend ist zweitens, dass der Präsident die US-Notenbank FED weiterhin zu Zinssenkungen nötigen möchte, obwohl das eindeutig das Mandat der FED, nämlich die Inflation zu bekämpfen, konterkarieren würde. Die Unabhängigkeit der wichtigsten Notenbank der Welt steht zur Disposition. Allein das ist ein alarmierendes Signal für eine Volkswirtschaft, die dank Dollarprivileg seit Jahrzehnten weit über ihre Verhältnisse lebt und mehr denn je auf ausländisches Kapital angewiesen ist.
Und es ist schließlich drittens vor allem die Schuldendynamik selbst. Haushaltsdefizite von sechs Prozent – Tendenz steigend, eine Staatsverschuldung von mehr als 40 Billionen Dollar, fast 130 Prozent der Wirtschaftsleistung – das alles ist nur noch unter der Voraussetzung tragbar, dass erstens die Zinsen nicht noch weiter steigen und zweitens die USA ihr Wachstumstempo aufrechterhalten. Das wiederum hängt davon ab, ob die gigantischen KI-Investitionen, die rund ein Drittel des amerikanischen Wachstums tragen, den erhofften Produktivitätssprung bringen oder sich überhaupt rechnen.
Dass die Lage kritischer wird, zeigen die Auktionen amerikanischer Langfristbonds, die auch für das Leitwährungsland USA längst kein Selbstläufer mehr sind. Seit Jahren bereits geht die ausländische Nachfrage nach US-Bonds zurück: Internationale Anleger halten inzwischen nur noch rund 30 Prozent der US-Staatsanleihen, 2015 waren es noch 50 Prozent. China hat sein Portfolio auf jetzt 618 Milliarden Dollar fast halbiert. Der größte US-Gläubiger Japan wollte sich von einem Teil seines mehr als eine Billion Dollar schweren Portfolios trennen, um seine Währung zu stützen. Bessent intervenierte schließlich zugunsten des Yen, nur damit Japan bloß keine US-Bonds auf den Markt wirft. Der Druck im Vulkan steigt.

Ein Beitrag von Dr. Marc-Oliver Lux von Dr. Lux & Präuner GmbH & Co. KG

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