Die vierte Kränkung der Menschheit

26.10.2026

Foto: © wirkungswerk

Wer sich dieser Tage mit Künstlicher Intelligenz beschäftigt, stößt auf eine eigentümliche Mischung aus Faszination und Furcht. Die Furcht zeigt sich nicht nur in Filmen wie „Terminator“, in dem eine sich verselbstständigende Intelligenz die Menschheit vernichtet, oder in „Matrix“, wo Maschinen die Kontrolle übernommen haben.

Auch zahlreiche Bücher mit wissenschaftlichem Anspruch zeichnen Zukunftsbilder, die fast apokalyptisch anmuten. Yuval Noah Harari etwa skizziert in „Homo Deus“ das Ende jener Epoche, in der der Mensch als Maß aller Dinge galt, und warnt, dass die Menschheit die Geschöpfe, die sie erschaffen hat, womöglich nicht mehr loswerden könnte.

Woher rührt diese tiefe Angst? Was genau steht eigentlich auf dem Spiel? Die gesamte Existenz der Menschheit jedenfalls nicht, dafür gibt es bislang keinen sachlich begründeten Hinweis. Wenn man sich aber so grundlegend vor etwas fürchtet, was es noch gar nicht gibt, wirkt das irrational, beinahe wie eine kollektive zivilisatorische Neurose. Dieser Frage widmet sich ein Kapitel des Buches „Die Selbstsetzung des Menschen“, und die Antwort, die dort gegeben wird, hat weniger mit Technik zu tun als mit gekränkter menschlicher Eitelkeit.

Dass die Menschheit in ihrer selbst empfundenen Großartigkeit leicht kränkbar ist, hat Sigmund Freud sehr berühmt formuliert. In seinem Aufsatz „Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse“ aus dem Jahr 1917 beschrieb er drei schwere Kränkungen, welche die Eigenliebe der Menschheit durch die wissenschaftliche Forschung erfahren hat. Die erste war die kosmologische Kränkung. Der Mensch glaubte, seine Erde ruhe im Mittelpunkt des Weltalls, bis Kopernikus ihm enthüllte, dass er nur ein kleiner Teil eines riesigen Universums ist. Die zweite war die biologische Kränkung. Der Mensch hielt sich für die Krone der Schöpfung, bis Darwin nachwies, dass er selbst aus der Tierwelt hervorgeht. Wer zunächst glaubt, Höhepunkt göttlicher Schöpfung zu sein, und dann erfährt, dass er vom Affen abstammt, erleidet zweifellos eine Kränkung. Und zwar eine, die sitzt. Die dritte, die psychologische, fügte Freud selbst hinzu, mit seiner Entdeckung des Unterbewusstseins. Das Ich ist nicht Herr im eigenen Haus, denn letztlich steuert dieses Unterbewusstsein uns Menschen wie die Fäden eine Marionette.

Und nun zeichnet sich im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz eine vierte Kränkung ab. Denn auch wenn die Menschheit akzeptiert hat, nicht im Mittelpunkt des Kosmos zu stehen, nicht göttlichen Ursprungs zu sein und dass ihr Bewusstsein keine unangefochtene Instanz ist, eines ist ihr bislang doch geblieben: das Wissen darum, das intelligenteste Wesen auf diesem Planeten zu sein. Damit könnte es bald vorbei sein. Der Mensch erschafft gerade Entitäten, die wahrscheinlich intelligenter sein können als er selbst. Der Autor nennt das die technologische Kränkung. Sie trifft an einer besonders empfindlichen Stelle. Seit Aristoteles gilt die Vernunft als das, was den Menschen von allen anderen Lebewesen unterscheidet. Der Mensch ist das „zoon logon echon“, das vernunftbegabte Tier. Aus dieser Fähigkeit leitete Aristoteles die besondere Würde des Menschen ab, Kant überführte den Gedanken in das Fundament seiner Moralphilosophie, und auf ebendieser Grundlage wurden schließlich die Menschenrechte begründet. Wer also die Vernunft mit Maschinen teilen muss, verliert mehr als eine Besonderheit, er verliert die Geschäftsgrundlage seines Selbstverständnisses.

Im Buch steht dieses Kapitel am Beginn, im ersten Teil, der dem Gefühl der Angst gewidmet ist. Es liefert die Diagnose, warum die Debatte über Künstliche Intelligenz so aufgeladen geführt wird, obwohl Fortschrittsangst die Menschheit seit der Erfindung der Schrift bei jeder neuen technologischen Umwälzung begleitet. Der zweite Teil des Buches zieht daraus die Konsequenzen. Wenn Vernunftbegabung kein Alleinstellungsmerkmal des Menschen mehr ist, worauf gründen dann Demokratie, Menschenrechte und der liberale Rechtsstaat? Der Autor geht dieser Frage entlang der großen Begriffe nach, die längst als geklärt galten. Was ist Intelligenz, was ist Verstehen, was ist Bewusstsein, was ist Leben? Und er nimmt die Debatte über Roboterrechte ernst, die vom fiktiven Prozess um den Androiden Data in „Star Trek“ bis zu realen Vorschlägen über elektronische Personen in Brüssel reicht.

Am Ende des Weges steht der Befund, der dem Buch seinen Titel gibt. Alle Versuche, die Sonderstellung des Menschen letztgültig zu begründen, sind gescheitert, ob durch Vernunft, Religion oder Naturrecht. Was bleibt, ist ein bewusster Akt des Willens. Der Mensch ist besonders, weil er es so festlegt. Diese Selbstsetzung ist kein Akt der Verzweiflung, sondern ein Akt der Reifung. Die Künstliche Intelligenz zwingt zu Fragen, die längst als beantwortet galten, und genau darin liegt vielleicht ihr größter Dienst am Menschen.

Für die Leserinnen und Leser dieses Magazins sei angemerkt, dass es dabei um handfeste Interessen geht. Wer in eine Technologie investiert, die das Menschenbild verschiebt, sollte verstehen, was sie mit einem macht. Die vierte Kränkung lässt sich nämlich nicht wegregulieren und nicht wegdiversifizieren. Man kann ihr nur mit dem ältesten Instrument begegnen, das dem Menschen zur Verfügung steht, mit dem Denken. Das Buch versteht sich deshalb als philosophische Gebrauchsanweisung für die Gesellschaft im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz. Es will keine Apokalypse verkünden und keine Utopie versprechen, sondern zeigen, dass die entscheidende Frage dieser Epoche nicht lautet, was die Maschinen können werden. Sie lautet, wer der Mensch sein will.

Ein Beitrag von Gernot Blümel, Autor des Buches, „Die Selbstsetzung des Menschen“