KI im Makler-Büro - Disruption oder Transformation
23.10.2026

Foto: © wirkungswerk
Wer heute als Versicherungsmakler nicht über KI spricht, wirkt wie jemand, der 2005 noch immer erklärt hat, warum E-Mail nichts für sein Büro ist. Wer aber glaubt, KI allein werde alle Probleme lösen, hat die Hausaufgaben nicht verstanden. Ich will in diesem Artikel nicht mit Buzzwords um mich werfen. Ich will Klartext reden. Und mit einem klaren Blick auf das, was 2035 wirklich auf uns zukommt.
Was KI wirklich kann und was nicht
KI ist ein selbstlernendes System, das eigenständig Aufgaben lösen kann. Es findet Lösungswege, die wir nicht auf dem Schirm haben. Aber: Es bleibt ein Werkzeug. Repetitive, verwaltende und administrative Aufgaben werden wegfallen. Das ist Fakt. Dokumentenverarbeitung, Bestandsänderungen, Angebote erstellen, Policierung, Schadenbearbeitung, Betrugserkennung – all das wird KI effizienter machen. Aber bei allem, was Vertrauen schafft, was mitfühlt, was zuhört, was den Menschen wirklich versteht – da hilft uns KI nicht wirklich weiter. Die Frage ist also nicht, ob KI mich schneller macht. Sondern: Mache ich die richtigen Dinge?
Die Zeit, die uns KI schenkt
KI schenkt uns Versicherungsmaklern Zeit. Das ist unbestritten. Aber die Frage lautet: Was machen wir mit der gewonnenen Zeit? Mehr Kunden akquirieren? Oder bessere Beratung bieten? Wenn wir die gewonnene Zeit nur nutzen, um noch mehr vom Gleichen zu tun, haben wir den Punkt verpasst. Die Frage nach der Effektivität wird wichtiger als die nach der Effizienz. Was ist der Kern deiner Dienstleistung? Nur die Versicherungsvermittlung? Oder vielleicht auch die Aufklärung über Risiken, die Begleitung durch Lebensphasen, die Hilfe bei finanziellen Entscheidungen?
Die Welt der Finanz-KI-Assistenten
Im Jahr 2035 werden KI-Assistenten in allen finanziellen Angelegenheiten, Entscheidungen und Fragen der Endkunden involviert sein. Das ist keine Prognose. Das ist eine Tatsache, die sich bereits abzeichnet. Kunden werden nicht mehr direkt mit uns kommunizieren. Sie werden mit ihren KI-Assistenten sprechen, die Informationen filtern, Optionen vorsortieren und Empfehlungen vorbereiten. Der Kampf um Sichtbarkeit verändert seine Regeln komplett. Es reicht künftig nicht mehr, mit gutem Content, persönlicher Ansprache oder klassischer Markenpräsenz Aufmerksamkeit zu erzeugen. Inhalte, Angebote und Services müssen so aufgebaut sein, dass sie auch für KI-Systeme der Kunden verständlich, vertrauenswürdig, anschlussfähig und priorisierbar sind.
Wo braucht es uns noch?
Die informative Ebene der Beratung wird zunehmend automatisiert. Die orientierende, priorisierende und verantwortende Ebene wird zum Kern des Berufs. Wer Informationen bereitstellt, die eine KI morgen besser kann, verliert Relevanz. Wer aber Kontext gibt, Verantwortung übernimmt, zwischen widersprüchlichen Zielen moderiert und für Menschen schwierige Lebensentscheidungen einordnet, gewinnt an Bedeutung. Die Rolle verschiebt sich vom Produktvermittler zum Einordner komplexer Entscheidungen, vom Einzelkämpfer zum prozessfähigen Unternehmer, vom Informationslieferanten zum Kurator, Filter und Übersetzer, vom Abschlussfokus zur dauerhaften Beziehungsführung.
Das Geschäftsmodell Vermittlung ist keine Lösung mehr
Ich sage es nochmal ganz direkt: Das Geschäftsmodell Vermittlung ist schon längst keine Lösung. Wenn Standardprodukte digital vergleichbar, einfacher abschließbar und kostentransparenter werden, lässt sich die Vergütung immer schwerer allein aus Vermittlung ableiten. Der wirtschaftliche Wert verschiebt sich stärker in Richtung Einordnung, Verantwortung, Spezialisierung und Begleitung. Wir müssen, wenn Vermittlung nicht mehr gebraucht wird, auch über die Vergütung in Form von Honoraren sprechen. Nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung. Als Ausgleich für wegfallende Courtagen. Als faire Vergütung für Leistungen, die mit der Vermittlung nichts oder nur indirekt etwas zu tun haben. Aber: Das ganze Honorarmodell muss transparent und verständlich sein. Wichtig ist: Argumentiere nutzenorientiert. Warum genau sollte dein Kunde ein Honorar bezahlen? Welchen echten Mehrwert stiftetest du?
KI-Kompetenz ist Team-Kompetenz
Ein Satz, der mir am Herzen liegt: KI-Kompetenz entsteht nicht dadurch, dass Einzelne schneller werden. Sondern dadurch, dass Organisationen miteinander und voneinander lernen. KI ist kein Solo-Projekt. Es ist eine Team-Entwicklung. Wer KI nur als Tool für einzelne Mitarbeiter sieht, verpasst das große Ganze. Es braucht klare Standards und Prozesse, saubere Datenhaltung, kontinuierliche Weiterbildung, den Mut, Dinge anders zu machen, und die Bereitschaft, voneinander zu lernen.
Was du jetzt tun musst
Bevor du über KI, Digitalisierung oder Honorare nachdenkst: Was ist dein Warum? Warum machst du das, was du machst? Welchen echten Mehrwert stiftetest du für deine Kunden? Ohne klares Warum bist du austauschbar. Mit klarem Warum wirst du unverwechselbar. Spezialisiere dich. Es ist ein alter Hut, aber er stimmt. Bevor du KI einsetzt, prüfe: Sind deine Prozesse dokumentiert und standardisiert? Sind deine Daten sauber und vollständig? Ist deine Dienstleistung klar definiert? Weißt du, welche Probleme du für deine Kunden löst? Erst wenn du diese Fragen mit Ja beantworten kannst, ist KI sinnvoll. Automatisiere, was automatisierbar ist. Terminvereinbarungen, Datenaufnahme, Standarddokumentation, Nachfass-E-Mails – all das lässt sich automatisieren. Automatisierung ist kein Nice-to-have, sondern ein Must-have. Wer frühzeitig in schlanke, digitale Prozesse investiert, gewinnt nicht nur Zeit – er erhöht seine Beratungsqualität, verbessert die Kundenerfahrung und bleibt langfristig wettbewerbsfähig. Baue Vertrauen auf – das wird zur echten Währung. In einer Welt, in der Kunden von hochgradig personalisierten KI-Systemen begleitet werden, wird Vertrauen zur eigentlichen Währung. Werde zum Entscheidungsarchitekt. Der klassische Verkäufer verliert in vielen Segmenten an Relevanz. Wer künftig Bestand haben will, muss als jemand auftreten, der Informationen sortiert, Risiken übersetzt, Zielkonflikte sichtbar macht, Prioritäten setzt und Kunden durch Unsicherheit führt. Bleib lernfähig. Die Veränderungen kommen nicht irgendwann, sondern sind längst sichtbar. Kontinuierliche Weiterbildung ist essenziell.
Ein Beitrag von Stephan Busch, Finanzcoach und Gründer/Geschäftsführer, PROGRESS Finanzplaner

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