Kolumne: Altersvorsorgeberatung – zwischen Realität und Wunschdenken
16.03.2026

VEMA-Vorstand Johannes Neder Foto: © VEMA
Tatsächlich verlassen viele Menschen das Bildungssystem mit nur sehr begrenztem Finanzwissen. Gleichzeitig sind Themen wie Altersvorsorge abstrakt, langfristig und emotional wenig greifbar. Für viele Menschen ist es schlicht etwas, „worum man sich später kümmern kann“. Doch gerade beim Sparen für das Alter ist Zeit einer der wichtigsten Faktoren. Wer früh beginnt, erreicht sein Ziel mit deutlich geringerer monatlicher Belastung. Wer spät anfängt, muss entsprechend mehr aufbringen.
Genau an dieser Stelle kommen Berater ins Spiel. Sie helfen dabei, überhaupt mit dem Sparen zu beginnen, realistische Ziele zu definieren und passende Lösungen innerhalb der finanziellen Möglichkeiten eines Kunden zu finden.
Seit vielen Jahren kann der Verbraucher dabei frei entscheiden, an wen er sich wenden möchte: an Versicherungsberater, Vertreter oder Makler. Dank Internet und moderner Medien gab es vermutlich noch nie so viel Transparenz und Wettbewerb im Beratungsmarkt wie heute. Jeder kann Anbieter vergleichen, Informationen einholen und den für sich passenden Ansprechpartner auswählen.
Die Realität ist jedoch: Die meisten Menschen kümmern sich nicht von selbst aktiv um ihre Altersvorsorge. Das Thema ist weder besonders attraktiv noch unmittelbar belohnend. Geld fließt oft bereitwilliger in Reisen, Konsum oder kurzfristige Wünsche. Die Folgen sind bekannt. Ein erheblicher Teil der Bevölkerung verfügt über kaum nennenswerte finanzielle Rücklagen. Viele Menschen gehen ohne zusätzliche Vorsorge in den Ruhestand und sind vollständig auf die gesetzliche Rente angewiesen.
Vor diesem Hintergrund erscheint es zumindest diskussionswürdig, ob es tatsächlich sinnvoll wäre, die Rolle der bestehenden Vermittlerstrukturen weiter zu schwächen.
Hinzu kommt ein praktischer Punkt, der in vielen Debatten erstaunlich selten erwähnt wird: Nur ein kleiner Teil der Bevölkerung ist überhaupt bereit, für eine Altersvorsorgeberatung ein direktes Honorar zu bezahlen. Dabei handelt es sich keineswegs um eine standardisierte Dienstleistung „vom Fließband“. Eine fundierte Beratung erfordert Zeit: Die finanzielle Situation des Kunden muss analysiert, verschiedene Lösungswege entwickelt und passende Produkte ausgewählt werden.
Selbst bei moderaten Stundensätzen würde sich ein solches Beratungshonorar schnell im vierstelligen Bereich bewegen. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass die meisten Verbraucher dazu nicht bereit sind. Wäre es anders, hätte sich die Honorarberatung längst als dominantes Modell im Markt etabliert. Tarife hierfür gäbe es mittlerweile auf Anbieterseite genug.
Die praktische Folge eines ausschließlich honorarbasierten Systems wäre daher vermutlich nicht bessere Beratung, sondern schlicht weniger Beratung. Viele Menschen würden sich erst sehr spät oder gar nicht mit ihrer Altersvorsorge beschäftigen.
Am Ende stellt sich daher eine grundsätzliche Frage: Geht es dem Verbraucherschutz tatsächlich um pragmatische Lösungen für möglichst viele Menschen – oder eher um die Durchsetzung eines bestimmten Idealmodells?
Mitunter erinnert die Debatte ein wenig an das Märchen vom Fischer und seiner Frau. Egal, welcher Wunsch erfüllt wird – zufrieden ist man nie. Ein Verbraucher wird auf Altersvorsorge angesprochen, lässt sich beraten und spart über viele Jahre regelmäßig Geld. Im Ruhestand verfügt er vielleicht über 100.000 Euro zusätzlich zur gesetzlichen Rente. Für ihn bedeutet das mehr Sicherheit, mehr Freiheit und ein entspannteres Leben im Alter. Doch statt zu sagen: „Gut, dass überhaupt vorgesorgt wurde“, heißt es dann: „Es hätten auch 120.000 Euro sein können.“ So entsteht leicht der Eindruck, dass nicht das tatsächlich erreichte Ergebnis zählt, sondern ausschließlich die Übereinstimmung mit der „richtigen“ Theorie.
Der Schutz der Verbraucher besteht jedoch nicht darin, ihnen jede Entscheidung abzunehmen. Er besteht vielmehr darin, ihnen Wege aufzuzeigen, wie sie überhaupt anfangen können, Verantwortung für ihre finanzielle Zukunft zu übernehmen.
Und genau dabei spielen die Vermittler im Land weiterhin eine zentrale Rolle.
Ein Kommentar von VEMA-Vorstand Johannes Neder

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