Reaktionen zum Midterm-Wahlausgang
04.11.2026

Foto: KI/fw
Die US-Midterms sind ein wichtiger Stimmungstest für die Regierung und ein möglicher Wendepunkt für die amerikanische Wirtschaftspolitik. Das Wahlergebnis entscheidet mit darüber, wie viel politischen Handlungsspielraum das Weiße Haus noch hat – und welche wirtschaftspolitischen Vorhaben sich durchsetzen lassen. Für Unternehmen und Finanzmärkte bedeutet das vor allem neue Unsicherheit, aber auch Chancen.
Mit dem überraschend deutlichen Sieg der Demokraten in beiden Kammern des US-Kongresses ist künftig mit einer politischen Blockade zwischen Präsident Donald Trump und dem Parlament zu rechnen. Das könnte Trumps wirtschaftspolitischen Spielraum einschränken und für mehr Kontrolle bei Steuern, Staatsausgaben und Regulierung sorgen. Für die Wirtschaft bleiben insbesondere die Zollpolitik, die hohen Lebenshaltungskosten und mögliche Konflikte um den Staatshaushalt entscheidend. Die Märkte reagieren zunächst verhalten positiv – doch für die Unternehmen bedeutet die neue Machtkonstellation vor allem eines: mehr politische Unsicherheit und weniger Planungssicherheit
Wir haben die ersten Reaktionen aus der Branche erhalten und veröffentlichen hier Kommentare:
Die kommenden zwei Jahre könnten für Anleger besonders unberechenbar werden. Willkommen in der Ära der Angry Lame Duck. Politisch gilt damit der Präsident nun als angeschlagen. Machtlos ist er aber keineswegs. Im Gegenteil: Zwar können die Demokraten jetzt die politische Agenda Donald Trumps erheblich ausbremsen. Aber ein scheinbar geschwächter US-Präsident könnte die Börse überraschen.
Zunächst fiel die erste Reaktion an den Finanzmärkten vergleichsweise eindeutig aus: US-Staatsanleihen legten zu, die Renditen gingen zurück und der Dollar verlor. Die Logik dahinter: Ein demokratisch kontrollierter Kongress dürfte weitere Steuersenkungen und expansive Ausgabenprogramme des Präsidenten erschweren. Weniger fiskalischer Rückenwind könnte gleichzeitig weniger Inflations- und Zinsdruck bedeuten.
Für Aktien ist die Lage jedoch komplizierter. Nach Midterm-Wahlen gilt politische Blockade an der Wall Street traditionell nicht als schlechte Nachricht. Seit 1950 lag der S&P 500 zwölf Monate nach allen 19 Zwischenwahlen im Plus, durchschnittlich sogar rund 15 Prozent
Doch Geschichte ist kein Naturgesetz. Und Donald Trump wird kein gewöhnlicher "Lame Duck" sein. Denn während der Präsident seine Mehrheiten im Kongress verliert, behält er Vetorecht und weitreichende Exekutivbefugnisse. Die Demokraten können seine Gesetzesvorhaben blockieren. Umgekehrt kann Trump demokratische Initiativen stoppen.
Je weniger Donald Trump innenpolitisch durch den Kongress bewegen kann, desto interessanter werden jene Machtinstrumente, für die er ihn nicht braucht. Das gilt insbesondere für die Handelspolitik. Zölle und andere handelspolitische Massnahmen könnten weiterhin wichtige Werkzeuge bleiben. Für Anleger entsteht damit eine paradoxe Situation: weniger fiskalische Macht bedeutet nicht automatisch weniger politische Risiken.
Auch beim Megathema künstliche Intelligenz verändert die neue politische Konstellation die Perspektive. Mit einem demokratisch kontrollierten Kongress dürften Datenschutz, Sicherheitsstandards, Energieverbrauch und die Belastung der Stromnetze stärker in den Fokus rücken. Für Hyperscaler und grosse Rechenzentrumsbetreiber bedeutet das zusätzlichen regulatorischen Gegenwind. Doch was für die einen höhere Kosten bedeutet, eröffnet anderen neue Chancen.
Denn der enorme Energiebedarf der AI verschwindet nicht durch Regulierung. Im Gegenteil: Strengere Anforderungen an Netzanschlüsse, Energieeffizienz und Versorgungssicherheit könnten zusätzliche Investitionen erzwingen. Davon könnten Stromerzeuger, Netzbetreiber sowie Anbieter von Transformatoren, Schaltanlagen, Batteriespeichern, Kühlsystemen und Glasfasernetzen profitieren.
Für Anleger dürfte deshalb weniger entscheidend sein, ob Demokraten oder Republikaner in Washington formal die Oberhand besitzen. Wichtiger wird, wie der US-Präsident Donald Trump auf seinen geschrumpften politischen Handlungsspielraum reagiert.
Bernhard Schmitt, Head of Equity & Multi Manager Management bei der Liechtensteinischen Landesbank (LLB).
Die blaue Welle ist eingetreten: Die Demokraten haben bei den US-Midterms sowohl das Repräsentantenhaus als auch den Senat gewonnen. Damit ist ein republikanisches Durchregieren in Washington künftig nicht mehr möglich. Für Anleger stellt sich nun die Frage, was dieses Ergebnis für die Aktienmärkte bedeutet.
Einerseits gelten die Republikaner als aktienmarktfreundlich. Andererseits gibt es seit Langem Zweifel, ob Donald Trump ein guter Präsident für die Börse ist. Lassen wir die Zahlen sprechen: Die zwölf Monate nach den Midterms waren historisch in der Regel ein gutes Marktumfeld. Im Schnitt ist der S&P 500 in diesem Zeitraum um 16,6 Prozent gestiegen – und zwar unabhängig davon, ob Demokraten oder Republikaner regierten.
Auch Donald Trump hat ein schlechteres Image, als die Zahlen zeigen. Sowohl in seiner ersten als auch in seiner zweiten Präsidentschaft hat sich der Aktienmarkt sehr freundlich und überdurchschnittlich entwickelt. Das ist sicherlich nicht allein, vielleicht nicht einmal primär, auf ihn zurückzuführen. Ein Hemmschuh für die Aktienmärkte war er aber nicht, auch wenn ihm das immer wieder unterstellt wurde.
Ein Thema, das in Deutschland bislang wenig prominent diskutiert wird, könnte sich dagegen problematisch entwickeln: die Haltung der Demokraten zur künstlichen Intelligenz und zu den großen Konzernen. Aus ihren Reihen kommt teils sehr pointierte Kritik, insbesondere am Ausbau der Rechenzentren. Dabei wird vergessen, dass die KI-Dominanz darüber entscheiden wird, welches Land die Volkswirtschaft der Zukunft anführt. Gehen die USA ihren aktuellen Weg weiter, werden sie Europa komplett abhängen und die Weltwirtschaft am Ende mit China unter sich aufteilen. Diesen Durchmarsch wird Europa nicht mehr verhindern können. Das können nur die USA selbst, indem sie die aktuelle KI-Dynamik bremsen oder stoppen. Genau das haben zumindest Teile der Demokraten vor. Für die langfristigen Wachstumsaussichten der Vereinigten Staaten wäre das sehr schädlich.
Doch die Checks and Balances des US-Systems lassen ein komplettes Durchregieren nur selten zu – das gilt auch für die Demokraten. Sie werden Kompromisse mit Trump eingehen müssen, denn der Präsident kann Gesetze mit seinem Vetorecht blockieren. Umgekehrt haben die Demokraten durch die Haushaltsausschüsse künftig einen starken Hebel gegen Trump. Ohne ihre Zustimmung wird es weder einen Haushalt noch eine Erhöhung der Schuldenobergrenze geben. Auch Trump wird also Kompromisse machen müssen. Washington wird kompromissbereiter. Allzu wirtschaftsfeindliche Gesetze der Demokraten, gerade mit Blick auf die weitere Entwicklung der KI, wird Donald Trump jedoch zu verhindern wissen.
Wir bleiben deshalb auch nach diesem Wahlergebnis positiv für die US-Aktienmärkte, insbesondere im Verhältnis zu den europäischen Märkten. Denn Europa wird beim Aufbau der Volkswirtschaft der Zukunft von den USA und China immer weiter abgehängt. Die Wachstums- und Aktienmarktaussichten in den USA bleiben gerade relativ zu Europa besser. Anleger sollten aus unserer Sicht daher weiterhin mit pointiertem Gewicht in den USA investiert bleiben.
Schwieriger wird es allerdings für die Magnificent Seven. Eine ähnlich fantastische Performance wie in der Vergangenheit wird für sie kaum zu wiederholen sein, denn den politischen Gegenwind dieser Wahl werden sie zu spüren bekommen. Unser Credo lautet daher: Die USA bleiben als Aktienmarkt sehr attraktiv, doch Anleger sollten sich verstärkt mit Stockpicking beschäftigen, und zwar jenseits der Magnificent Seven.
Benjamin Bente, Geschäftsführer und Portfoliomanager bei Vates Invest.
(Lesen Sie weiter auf der nächsten Seite)

Midterms: Kurzfristig mehr Marktvolatilität?


