Deutschem Luftverkehr droht stressiger Sommer

29.04.2026

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Teile der Nachfrage verlagern sich in der aktuellen Situation weg von teuren Fernreisen. Davon dürften vor allem beliebte Tourismusziele in Südwesteuropa profitieren. „Gewinner von geänderten Fernreiseplänen dürfte der mediterrane Süden sein: Buchungsdaten deuten aktuell auf einen Nachfrageanstieg von 32 % im Jahresvergleich für Spanien und von rund 20 % für Italien, Griechenland und Portugal hin“, sagt Latorre. „Aber während ein Teil der Fernreisenden auf Nahreisen und regionale Ziele umschwenkt, vergeht einigen angesichts steigender Energiepreise, Inflation und schwacher Konsumstimmung auch die Reiselust. Einige Haushalte dürften dieses Jahr insgesamt weniger für Reisen ausgeben. Deshalb bleiben viele auch auf Balkonien. Der deutsche Inlandstourismus dürfte infolgedessen nicht automatisch von einem Schub profitieren.“

Selbst bei einer baldigen Öffnung der Straße von Hormus würde es nach Schätzungen von Allianz Trade drei bis sechs Monate dauern, bis Förderung und Raffinerieauslastung im mittleren Osten wieder weitgehend normalisiert sind. „Für Reisende in Deutschland wird Fliegen erst einmal spürbar teurer,“ sagt Latorre. „Selbst wenn sich die Lage im Nahen Osten rasch entspannt, bleiben die Effekte auf Preise und Angebot über die Ferienzeit hinaus bestehen.“

Insbesondere der Luxustourismus nach der Pandemie hat den Nahen Osten zu einem wachstumsstarken Reiseziel gemacht, Nun steht der Tourismus in der Region vor einem drastischen Einbruch. Vor dem Konflikt wurde für die Region im Jahr 2026 ein Wachstum der internationalen Ankünfte um13 % im Jahresvergleich erwartet, nachdem diese 2025 gegenüber 2019 dank Visareformen und umfangreicher Investitionen in den Tourismus um 51 % gestiegen waren. „Sollte der Konflikt noch einen weiteren Monat andauern, könnten die Touristenzahlen stattdessen um ein Viertel bis zu fast einem Drittel (25-30 %) im Jahresvergleich zurückgehen“, sagt Latorre. Das bedeutet einen Verlust an Tourismuseinnahmen von etwa 60 Mrd. USD im Jahr 2026.“

Am härtesten trifft es kleinere, vom Tourismus abhängige Länder: Der Tourismus macht 9,1 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Libanon, 7,1 % in Bahrain, 6,2 % in den Vereinigten Arabischen Emiraten und 5,9 % in Jordanien aus. Diese Volkswirtschaften sind am stärksten von plötzlichen Einbrüchen bei den Ankunftszahlen, den Deviseneinnahmen und der Nachfrage im Gastgewerbe betroffen. „Insgesamt macht die direkte Anbindung an die Konfliktzone nur 10 % der weltweiten Flugkapazität aus“, sagt Latorre. „Der Nahe Osten ist jedoch ein wichtiger globaler Luftverkehrsknotenpunkt, sodass jede Störung unverhältnismäßig große Ausstrahlungseffekte hat und sich auf die Langstreckenverbindungen und die Touristenströme in Regionen auswirkt. Insbesondere die Europa-Asien-Strecken sind betroffen, aber auch viele Ziele in Afrika und im indischen Ozean spüren die Auswirkungen sehr stark.“

Mehrere wichtige Tourismusdestinationen – wie die Seychellen, die Malediven, Mauritius, Thailand, Indonesien, Australien, Singapur und die Philippinen – sind in hohem Maße von Langstreckenflugverbindungen abhängig, die über Drehkreuze im Nahen Osten geführt werden. Die Tourismusnachfrage in diesen Volkswirtschaften reagiert daher äußerst empfindlich auf die Bedingungen der Fluganbindung, selbst geringfügige Erhöhungen der Treibstoffkosten oder längere Flugzeiten wirken sich direkt auf die Besucherströme aus. Diese Dynamik ist besonders relevant für Inselstaaten wie die Malediven, die Seychellen und Mauritius, die sehr auf Tourismuseinnahmen angewiesen sind. (mho)

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